Neues Gründerzentrum
Wenn Träume laufen lernen
Beide haben Elektrik und Elektrotechnik am Agro Technical and Technology College (ATTC) studiert, das Menschen für Menschen vor mehr als 30 Jahren in Harar gründete und bis heute betreibt. Nach dem Studium fanden sie zwar eine Anstellung in der regionalen Energiebehörde, doch ihr gemeinsamer Traum ließ sie nicht los: Was wäre, wenn ihre Heimatstadt sich selbst mit Solarstrom versorgen könnte? „Wir trugen die Idee schon eine Weile mit uns herum“, erzählt Abdurahim. Klar also, dass sie sich für den ersten Start-up-Workshop anmeldeten, der vor mehr als zwei Jahren am damals neu gegründeten Innovations- und Gründerzentrum am ATTC stattfand.
Mit diesen Workshops bereitet Menschen für Menschen im Rahmen des EU-finanzierten Förderprogramms „Business Incubation Communities (BIC) Ethiopia“ angehende Gründerinnen und Gründer auf die Selbstständigkeit vor. Das von der EU kofinanzierte Projekt richtet sich gezielt an Bewerberinnen und Bewerber aus den Bereichen Agrarwirtschaft und Technologie – und will Chancen schaffen in einem Land, in dem fast die Hälfte der Hochschulabsolventinnen und -absolventen ohne Beschäftigung bleibt. Knapp 330 Teilnehmende haben das fünftägige Training bislang absolviert. Sie entwickelten ihre Geschäftsideen weiter, analysierten Absatzmärkte und Zielgruppen, arbeiteten an Schwächen im Konzept und formulierten konkrete Erfolgsziele. „All das mündet schließlich in einem Businessplan“ erklärt Daniel Asrat, Leiter des Trainingsprogramms der Stiftung. Wer den Kurs erfolgreich abschließt, kann sich um ein Startkapital von 1.000 Euro beim BIC bewerben – oder aus eigenen Mitteln starten.
So wie Sayo und Abdurahim. Sie legten ihr Erspartes zusammen und gründeten ein Unternehmen. Seitdem installierten sie Solarpanels auf den Dächern einiger Regierungsgebäude und zweier Schulen im Umland. Für die Dauer der Aufträge stellten sie mehrere Hilfsarbeiter ein und erwirtschafteten rund 800 Euro.
Vom Dozenten zum Gründer
In Gummistiefeln und Blaumann schreitet Kefyalew durch den Stall, tätschelt einer seiner schmatzenden Kühe den Kopf. „Vor 15 Jahren habe ich mein erstes weibliches Kalb gekauft“, erzählt er. Doch anfangs lief es schleppend: Selbst als die Kuh ausgewachsen war, blieb eine Schwangerschaft aus. Freunde und Familie drängten ihn zum Verkauf, doch Kefyalew blieb stur. „Ich sagte allen: Das ist mein Hobby, und ich entscheide.“ Kurz darauf bekam die Kuh ihr erstes Kalb. In den Jahren danach vergrößerte er seinen Bestand. Heute besitzt Kefyalew knapp 90 Tiere. Privatpersonen, Kantinen und Restaurants, auch Mitarbeitende des Colleges gehören zu seinen Kundinnen und Kunden. Sie bezahlen pro Liter Milch umgerechnet 65 Cent. „Damit bin ich günstiger als andere Milchbetriebe“, sagt er. „Ich will aber, dass es sich jeder leisten kann.“ Kefyalew traf betriebliche Entscheidungen lange aus dem Bauch heraus „Damit ist jetzt Schluss“, sagt er. „Der Hof soll ein richtiges Unternehmen werden.“ Dafür kehrte er drei Jahre nach seiner Pensionierung an das College zurück und nahm ebenfalls am Wachstumstraining teil.
„Wir halfen ihm, einen Businessplan zu erstellen, mit dem er größere Kredite beantragen kann“, erklärt Trainer Daniel. „Und wir analysierten, wo sich Abläufe optimieren lassen. Innerhalb von drei Jahren möchte Kefyalew die Produktivität seiner Kühe mehr als verdreifachen – auf 1.000 Liter täglich. Einer der wichtigsten Stellschrauben ist besseres Futter.
