Blauer und weißer Stadtbahnzug an einer Außenstation mit wartenden Menschen in der Nähe.

Auf Schienen in die Zukunft: moderne Straßenbahn in Addis Abeba

14
Sep. 2020

Land & Leute

Während sich Taxen, Minibusse und Geländewagen durch die Straßen von Addis Abeba quetschen, hat Hana Alema einige Meter über der lärmenden Straße einen Sitzplatz in der Tram ergattert. Ihr kleiner Sohn turnt lachend auf ihrem Schoß, die zehn Monate alte Tochter hat sie sich auf den Rücken gebunden. Die kleine Familie ist auf dem Nachhauseweg.

 

„Wir haben meine Geschwister besucht. Seitdem es die Straßenbahn gibt, machen wir das zweimal in der Woche“, sagt Hana. Vorher nahm die 27-Jährige die Reise ans andere Ende der Stadt höchstens einmal im Monat auf sich. Zu beschwerlich war der Weg durch den dichten Verkehr der äthiopischen Vier-Millionen-Metropole.

Lächelnde Menschen sitzen auf einer Bank. In der Mitte sitzt eine Frau mit zwei Kindern.
Mit Kind auf Schoß und Rücken nimmt Hana Alema die Tram, um ihre Geschwister zu besuchen.

Die elektrische Tram ist in Afrika südlich der Sahara ein Novum. Mit ihr versucht Äthiopien zu bekämpfen, woran viele der rasant wachsenden Metropolen des Kontinentes leiden: verstopfte Straßen, verpestete Luft.

Im Herbst 2015 wurden zwei Bahnlinien eingeweiht. Auf 33 Kilometern verbinden die Trassen den Norden mit dem Süden, den Osten mit dem Westen der Stadt. Im Zentrum kreuzen sich die Linien. Durchschnittlich 130.000 Menschen nutzen die Tram am Tag – voll wird es zu den Stoßzeiten am frühen Morgen und zum Feierabend. „Wir planen, noch deutlich häufiger zu fahren. Dann können wir 400.000 Menschen am Tag befördern“, erklärt Akililu Hibiso, Direktor des Transportmanagements des staatlichen Bahnunternehmens.

Der Bau der Gleise und Stationen hat umgerechnet 425 Millionen Euro gekostet, zu 85 Prozent wurde er finanziert durch Kredite aus China. Zunächst hatten die Chinesen den Betrieb koordiniert und Äthiopierinnen und Äthiopier angelernt. Mittlerweile übernehmen lokale Mitarbeitende alle Aufgaben. Das größte Problem für den Bahnbetrieb ist die unsichere Stromversorgung, die auch in Addis Abeba zu Ausfällen führt. Mit der Fertigstellung des großen Renaissance-Staudamms am Blauen Nil soll das der Vergangenheit angehören. Um möglichst viele Menschen von der Straße in die Bahn zu locken, sind die Tickets sehr günstig. Schon für knapp zwanzig Cent können Passagiere das ganze Netz nutzen.

Die preiswerten Tickets sind für den Bauingenieur Adamu Terefe nur einer der Gründe, warum er mit der Tram statt dem Minibus zu seinen Baustellen fährt. „Mit der Bahn bin ich schneller und habe mehr Zeit zum Arbeiten“, sagt Adamu. Ein grelles Piepen ertönt, die Tür des Zuges geht auf, lautes Hupen und Motorenlärm dringt hinein, neue Fahrgäste steigen ein. Sekunden später schwebt die Tram wieder über den Straßen von Addis Abeba.

Ein lächelnder Mann mit einer Tüte in der Hand steht an einem Zug in einem modernen Bahnhof im Freien.
Pendeln im Zug: Mit der Straßenbahn gelangt der Bauingenieur Adamu Terefe günstig und schnell zu seinen Baustellen.

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