Mit schrillen Rufen stürmt die junge Frau aus ihrer Hütte. In ihrem Arm trägt sie ein Baby. Ihr Mann war kurz zuvor nach Hause gekommen. Er brodelte vor Wut und schlug zu. Sie sah keinen anderen Ausweg, als vor ihm zu fliehen und nach Hilfe zu rufen. Von benachbarten Grundstücken und Hütten eilen Frauen herbei und stimmen in ihre Rufe ein. Alle tragen sie einen braunen Umhang, kunstvollen Kopfschmuck und lange Ketten aus bunten Perlen. Und sie halten Holzstäbe vor sich, recken sie in die Höhe. Schützend umkreisen die Frauen das Opfer, fangen an zu singen, wiegen sich vor und zurück.
Eine für alle: Haadha Siinqee und ihr Einsatz für Frauenrechte
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Für die Rechte der Frauen
Sie sind sogenannte „Haadha Siinqee“, traditionelle Frauenvorsteherinnen in der Kultur der Oromo, der größten Volksgruppe Äthiopiens. Mit ihrem lautstarken Protest und Gesang, mit den Stäben wollen sie auf das Vergehen des Ehemanns aufmerksam machen und ihn einschüchtern, bis der Ältestenrat im Dorf ihn zur Rede stellt und bestraft.
Zwar wurde die Szene für einen Bericht der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt BBC nachgestellt, doch Situationen wie diese sind Alltag für Dagnu Rabo: „Wir vermitteln häufig zwischen streitenden Paaren oder schützen Frauen vor gewalttätigen Ehemännern“, erklärt sie. Die 52-Jährige arbeitet als Schneiderin in Etaya, einer Kleinstadt in der Region Arsi, etwa 140 Kilometer südlich von Addis Abeba. Ihren Holzstab, den „Siinqee“, hat sie am Hochzeitstag von ihrer Mutter bekommen. Mit ihm, so sagt es die Tradition, gebührt ihr der Respekt aller. Sie kann ihn einsetzen, um Konflikte zu lösen. Stellt sie sich mit dem Stab zwischen zwei Streitende oder in eine Schlägerei, sollten alle Beteiligten schweigen und aufhören zu kämpfen. „Ich mache ihnen klar, dass jeder das Recht hat, seine Meinung zu äußern, aber niemand jemand anderem körperlich schaden darf“, sagt Dagnu. Der Siinqee und seine Bedeutung geht auf das „Gada“ zurück, das traditionelle Herrschaftssystem der Oromo. Schon vor Jahrhunderten regelte es die politischen, sozialen und ökonomischen Aktivitäten der Menschen und prägte das Leben in der Gemeinschaft. In dem eher patriarchalischen Gada übernehmen Männer die Führungsrolle. Dabei werden sie von ihren Vätern an die Regeln, Rituale und Aufgaben herangeführt.
Der Siinqee jedoch verleiht den Frauen die Macht, sich für das eigene sowie das Recht anderer Frauen einzusetzen. 2016 wurde das Gada-System von der UNESCO zum immateriellen Weltkulturerbe ernannt. Doch trotz der gesellschaftlichen Modernisierung, die viele andere Bräuche vergessen lässt, hält Dagnu Rabo an ihrer Rolle als Haadha Siinqee fest: „Ich bin sehr glücklich, mich um die Frauen und meine Gemeinde zu kümmern und ihnen zu helfen, Konflikte möglichst friedlich zu lösen.“ Dagnu hat vier Kinder: drei Söhne und eine Tochter. An ihrem Hochzeitstag wird Dagnu ihr einen eigenen Siinqee überreichen und hofft, dass ihre Tochter zumindest einen Teil der Traditionen weiterlebt.