Ein Porträt von Florence Brokowski-Shekete

„Die Menschen an ihre Menschlichkeit erinnern.“ Ein Interview mit Florence Brokowski-Shekete

20
März 2026

Aktuelles

Florence Brokowski-Shekete ist Deutschlands erste schwarze Schulamtsdirektorin, SPIEGEL Bestseller Autorin, Host eines Videos-Talks und Podcasterin. Als Tochter nigerianischer Eltern, wuchs sie einen großen Teil ihrer Kindheit bei einer Pflegemutter in Buxtehude auf. Diskriminierung begegnete ihr früh. Seit knapp 20 Jahren klärt sie als Expertin für interkulturelle Kommunikation über alltäglichen Rassismus auf und zeigt, wie ein diverser und würdevoller Dialog möglich ist.

 

Wenn Sie an Ihr Leben denken – was ist der erste Gedanke, der Ihnen in den Sinn kommt?

Ich denke an den Weg, der bereits hinter mir liegt: An meine behütete Kindheit mit meiner Pflegemami in Buxtehude, aber auch an die Ausgrenzung und Diskriminierung in der Schule und im Alltag. Ich denke an die dreieinhalb Jahre bei meinen leiblichen Eltern in Nigeria zurück. Daran, dass ich weder in der einen noch in der anderen Welt dazugehörte. Es gab viel Negatives, aber ohne die Erfahrung wäre ich nicht dort, wo ich heute bin.

Für was in Ihrem Leben sind Sie am dankbarsten?

Für meinen Sohn, für Gesundheit, meine bisherigen beruflichen Erfolge. Und für meine Resilienz und Selbstachtung, die ich mir aufgebaut habe. Früher versteckte ich mich und meine Hautfarbe. Wurde ich mit rassistischen Sprüchen konfrontiert, schwieg ich und relativierte das Gesagte. Bloß nicht auffallen war das Credo. Wenn, nur mit extrem gutem Benehmen. Doch ich fühlte mich wie ein Vogel mit zusammengebundenen Flügeln. Spätestens mit dem ersten Buch, meiner Autobiographie, legte ich die Hemmungen, meine Stimme zu erheben, ab. Heute stehe ich für mich ein.

Was löst bei Ihnen immer wieder aufs Neue Begeisterung aus?

Freude bereiten mir Begegnungen mit den vielen zugewandten und unterstützenden Menschen, besonders, wenn ich nicht damit rechne. Da gibt es Vorgesetzte und Mitarbeiter, die mir den Rücken stärken. Oder das Gespräch mit der freundlichen Fischverkäuferin heute, nach dem ich strahlend aus dem Supermarkt lief. Ich versuche offen zu bleiben für solche Momente. Sie helfen gegen Zynismus und geben mir Kraft. Denn sie zeigen mir, dass es doch noch Gutes im Menschen gibt – so viel mehr als wir es manchmal vermuten würden angesichts des Weltgeschehens.

Wenn Sie für fünfzehn Sekunden die Aufmerksamkeit der ganzen Welt hätten, was würden Sie dann tun oder sagen?

Ich würde die Menschen an ihre Menschlichkeit erinnern. Daran, sich selbst lieb zu haben und diese Liebe auch den Mitmenschen zu geben. Aber vermutlich würde ich einfach nur in die Runde schauen und lächeln. Das kann manchmal mehr bewegen als viele Worte.

Was würden Sie tun, wenn Sie wüssten, dass Sie nicht scheitern würden?

Eine Rennfahrt auf dem Nürburgring. Ich liebe schnelle Autos. Das verbindet mich mit meinem Sohn. Als er noch kleiner war, haben wir gemeinsam Rennen besucht. Dort war ich dann die einzige schwarze Mutti weit und breit. Es gab Wurst im Brötchen und Fan-Geschenke von Fahrern. Wenn ich wüsste, dass nichts schief gehen kann, würde ich selbst einmal fahren.

Wann war das letzte Mal, dass Sie etwas zum ersten Mal getan haben?

Ich wollte ursprünglich keine Lesungen meiner Bücher in den östlichen Bundesländern durchführen. Ich dachte, dort käme es sicher zu rassistischen Äußerungen und wollte mich schützen. Doch dann bekam ich eine Anfrage aus Wismar, die ich annahm. Am Ende lernte ich eine tolle Stadt und Menschen kennen und verstand, dass ich da auch meine eigenen Vorurteile überdenken muss. Das war eine emotionale Erfahrung.

Welchen Traum würden Sie sich gerne erfüllen?

Ich hätte gerne eine eigene Talkshow bei einem großen TV-Sender. In meinem Video-Podcast „Schwarzwälder und Butterkuchen“ spreche ich schon jetzt mit vielen unterschiedlichen Persönlichkeiten über Meinungsfreiheit, Einsamkeit, über berufliche Wendepunkte, das Bildungssystem oder Geschlechteridentitäten. Ich befasse mich mit Themen, von denen ich denke, dass sie wichtig sind für unsere Gesellschaft. Dabei bewege ich mich auch außerhalb meiner gewohnten Komfortzone und bin mehr als die „Frau Rassismus“.

Was war der beste Rat, den Sie jemals bekommen haben?

Am ersten Tag meines Lehramtsstudiums sagte uns der Professor, wenn es unser einziges Ziel sei, Kinder zu unterrichten, sollten wir schnell einen Plan B suchen. Denn damals waren die Lehrerjobs sehr umkämpft und die Einstellungschancen gering. Dieser Satz hat mich lange begleitet und dazu geführt, dass ich bis heute sehr flexibel bin und mir mehrere Standbeine aufgebaut habe.

Was wünschen Sie sich für die jüngere Generation?

Ein Leben in Ruhe und Frieden sowie berufliche Perspektiven. Der Schlüssel dazu ist Bildung. Ein Schulabschluss war schon für meine Pflegemutter wichtig: Sie sagte immer: Nur so wird man eigenständig und begibt sich nicht in Abhängigkeit, zum Beispiel von einem Mann. Das gilt besonders auch für einkommensschwächere Länder: Wer Kinder und Jugendliche ausbildet und Perspektiven aufzeigt, ermöglicht ihnen eine eigene Zukunft aufzubauen und verhindert, dass sie vor einem schlechten Leben flüchten müssen.

Was bedeutet es für Sie, ein gutes Leben zu führen?

Gesundheit, inneren und äußeren Frieden sowie ein gutes finanzielles Auskommen für meine Familie.

Foto: Tanja Valérien

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