Eine Frau gießt ein Feld mit einer Gießkanne.

Die Rückkehr des Waldes

Die Rückkehr des Waldes

Ein Zuhause für Mensch und Tier

29.07.2026

Im Süden Äthiopiens startet die Stiftung Menschen für Menschen das bisher größte Wiederbewaldungsprojekt ihrer Geschichte. Auf rund 10.000 Hektar sollen lokale, indigene Baumarten gepflanzt werden, um geschädigte Bergwälder zu regenerieren und die Lebensbedingungen von mehr als 300.000 Menschen zu verbessern.

Im Einklang mit dem Wald

Wenn Emamo Etso zur Ruhe kommen will, geht er in den Wald neben seinem Grundstück. Auf mehreren Kilometern verteilen sich im tiefen Grün Steineiben, Kordien und Wacholderbäume. Oft hängt dichter Nebel zwischen ihnen und liefert Feuchtigkeit für Bäume und moosigen Waldboden. Frösche, Schlangen, Stachelschweine, Affen, Hyänen und zahlreiche Vogelarten leben im Sirso – dem „kalten Wald“, wie ihn die Menschen hier im Dorf Mayzelo nennen.

Lange profitierten sie von ihm. Sie jagten Wildtiere, pflückten Waldbeeren und hängten traditionelle Bienenkörbe in die Bäume. Um an den Honig zu gelangen, schlugen sie Äste ab. So auch Emamos Vater. Trotzdem lebten Mensch und Natur im Einklang. Erst als das Dorf wuchs, die Familien größer wurden und die Menschen daher mehr Platz zum Leben brauchten, geriet dieses Gleichgewicht ins Wanken.

Landschaftsbild eines grünen Waldes.
Regelmäßig verschwinden Teile des Sirso-Waldes im Nebel. Er prägt das besondere Ökosystem.

Ein neues großes Schutzgebiet

„Auch wir fällten Bäume, um unsere Äcker zu vergrößern“, erinnert sich Emamo. Vor sechs Jahren kamen Regierungsmitarbeiter ins Dorf und erklärten den Sirso zum Schutzgebiet. „Ich wollte das zu nächst nicht akzeptieren“, sagt er. Erst als die Behörden ihn mit modernen Bienenkästen für sein Grundstück versorgten und ihm zeigten, wie er den Honig ernten kann, war er einverstanden. Heute übernimmt der Landwirt selbst Verantwortung: Er ist Waldwächter. Erwischen er und andere Freiwillige jemanden beim illegalen Fällen von Bäumen oder bei der Jagd, überstellen sie ihn der Polizei. Je nach Vergehen drohen hohe Geldstrafen oder bis zu drei Jahre Haft.

Für Menschen für Menschen ist der Sirso ebenfalls sehr bedeutsam. Er fungiert als Referenzwald: „In diesem Wald sehen wir, welche Vegetation es ursprünglich mal gab “, erklärt Misaw Atalay, Leiter des Projektgebiets Gofa. Diese Informationen werden benötigt, weil die Stiftung in Gofa sowie in zwei benachbarten Regionen ein großes Wald- und Biodiversitätsschutzprojekt verwirklichen wird. Insgesamt sollen fast 10.000 Hektar Wald zurückkehren – eine Fläche von etwa 14.000 Fußballfeldern.

In dem bergigen Gebiet sind die Probleme überall ähnlich: Über Jahrzehnte haben die Menschen große Waldflächen abgeholzt, um Feuerholz und Flächen für die Landwirtschaft zu gewinnen. Ohne die Baumwurzeln verloren die steilen Hänge ihren Halt, es kam zu dramatischen Erdrutschen, Ernten wurden vernichtet. Die Wiederbewaldung, die von nationalen und lokalen Behörden unterstützt wird, hat daher einen mehrfachen Nutzen: Sie stabilisiert die Böden und stärkt die Widerstandsfähigkeit gegen Klimafolgen. Außerdem dient sie der Regeneration eines einzigartigen Ökosystems – des immergrünen afromontanen Bergwalds. Er zählt zu den weltweiten Hotspots der Biodiversität.

„Dieses Projekt ist mit seinem Anspruch, den Waldschutz mit einer Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen zu verbinden, die konsequente Fortsetzung unserer bisherigen Arbeit“, sagt Stiftungsvorstand Sebastian Brandis. „In dieser Größenordnung ist es für uns bislang beispiellos“. Finanziert wird das Vorhaben durch Unternehmen oder öffentliche Geber, die Projekte für hochwertige zertifizierte CO2-Senken suchen.

CO2 in der Atmosphäre lässt sich auf zwei Wegen reduzieren: durch weniger Emissionen oder durch neue Kohlenstoffspeicher wie Wälder. Der Emissionshandel bringt dies in ein marktwirtschaftliches System. Neben dem europäischen Emissionshandel, der den CO2-Ausstoß begrenzt, indem nur eine bestimmte Menge an Emissionsberechtigungen ausgegeben werden, gibt es einen freiwilligen Markt für Projekte, die nachweislich CO2 binden oder Emissionen vermeiden.

Hochwertige („High-Integrity“) CO2-Zertifikate werden nur für Projekte vergeben, deren Klimawirkung wissenschaftlich belegt, unabhängig geprüft und langfristig gesichert ist. Idealerweise verbessern sie zugleich die Lebensbedingungen der Menschen vor Ort. Das Wiederbewaldungsprojekt von Menschen für Menschen im Eastern Afromontane Hotspot ist auf diesen Standard ausgerichtet; die Zertifizierung steht noch aus.

Um Daten zu erheben und später Fortschritte dokumentieren zu können, reisten in den vergangenen Monaten Fachleute der Stiftung, der Universitäten in Addis Abeba und Arba Minch in die Region. Für eine Ausgangsstudie sprachen sie mit Landwirten, Regierungsvertretern und Frauengruppen über die bisherige Nutzung der Wälder und untersuchten Landnutzungskonflikte. Vor allem aber erfassten sie die Vielfalt von Flora und Fauna. „Um den Wald möglichst ursprünglich wiederherzustellen, pflanzen wir nur lokale indigene Baumarten an“, sagt Misaw Atalay. „Ihre Samen bekommen wir unter anderem aus dem Sirso.“ Um sie zu vermehren, hat Menschen für Menschen bereits fünf Baumschulen eröffnet. Für die ersten 1.000 Hektar Wiederbewaldung sollen dort allein 2026 bis zu einer Million Setzlinge heranwachsen.

In der Baumschule in Basketo herrscht geschäftiges Treiben. Mitarbeitende tragen Körbe mit jungen Pflanzen zu Anzuchtsbeeten, andere jäten Unkraut oder bewässern die Setzlinge. „Es ist harte körperliche Arbeit“, sagt Hayimanot Ayele. Jeden Tag läuft die 20-Jährige mehrere Stunden zur Baumschule und zurück nach Hause. Trotzdem ist sie für den Job dankbar. Sehr früh, mit 14 Jahren, wurde sie schwanger und verpasste den Wechsel in das nächste Schuljahr. Seit einiger Zeit ist Hayimanot alleinerziehend. Noch vor einem Jahr verdingte sie sich als Köchin in einem Restaurant in einer größeren Stadt. „Ich habe es dort gehasst“, sagt sie. Ihr Dienst ging jeden Tag bis spät am Abend, ihre Tochter sah sie sieben Monate lang nicht.

Mehrwert auch für die Gemeinden

In der Baumschule verdient Hayimanot heute fast doppelt so viel wie im Restaurant. „Außerdem kann ich meine Tochter jeden Abend ins Bett bringen und die Sonntage mit ihr verbringen“, sagt sie. Einen Teil ihres Einkommens spart Hayimanot, um eines Tages wie der zur Schule gehen zu können. „Wer weiß, vielleicht studiere ich später noch Medizin. Oder Landwirtschaft.“

Die Setzlinge sind wichtiger Teil der Wiederbewaldung der Bergwälder und schaffen schon heute wichtige Arbeitsplätze in den Baumschulen. „Sobald das Projekt zertifiziert ist, sollen 60 Prozent der Erlöse aus jedem verkauften CO₂-Zertifikat den Menschen vor Ort zugute kommen – für Schulen, Gesundheitszentren und Straßen.“ „Das wird bei anderen Projekten oft nicht ausreichend mitgedacht“, sagt Sebastian Brandis. Häufig liege der Fokus allein auf dem Wald oder einzelnen Tierarten. Doch die Menschen, die die Bäume schützen sollen, bräuchten sauberes Wasser, Gesundheitsversorgung und sichere Wege. „Nur dann, wenn sich die sozioökonomische Situation der Menschen durch das Engagement für die Natur spürbar verbessert, entsteht eine starke und anhaltende Motivation, den Wald langfristig zu erhalten.“

Eine Frau und ein Mann die an Baumsetzlingen arbeiten.
Glücklich über ihren neuen Job: Seit einem Monat arbeitet Hayimanot Ayele in der Baumschule in Basketo.

Mehr als 300.000 Menschen sollen von den Maßnahmen der Stiftung in den ersten Jahren direkt und indirekt profitieren. Bis die ersten CO₂-Zertifikate verkauft werden können, wird es jedoch noch einige Jahre dauern. Der Wald muss zunächst wachsen und neue Biomasse aufbauen. Um die Gemeinden in dieser Zeit zu unterstützen, hat Menschen für Menschen 2025 eine gemeinnützige GmbH gegründet. Über sie kann die Stiftung Investoren für das Wiederbewaldungsprojekt gewinnen. „Es sind neue Formen der Finanzierung“, sagt Brandis. „Doch unser Engagement vor Ort bleibt dasselbe.“

Waldschützer aus Überzeugung

Wie wichtig das ist, zeigt sich im Dorf Saziga. Tiefe Furchen und Gräben durchziehen die Gemeinde. In der Regenzeit füllen sie sich mit Wasser und Schlamm von den umliegenden Hügeln. „Die Wege durchs Dorf werden zu reißenden Flüssen“, erzählt Landwirt Nigus Manaye. „Wir können dann unsere Grundstücke nicht verlassen und müssen besonders auf Kinder und Tiere aufpassen.“

Nigus Manaye besitzt in Saziga rund zwei Hektar Land. Wie bei vielen seiner Nachbarn liegen seine Felder verstreut über die Gemeinde. Eines davon befindet sich weit oben am Hang. Auf ihm wächst Mais. Ist er fast reif, lässt Nigus ihn nicht mehr aus den Augen. Dann verbringt er die Tage und oft auch die Nächte in einer windschiefen Holzhütte am Feldrand. Hört er ein Rascheln, rennt er hinaus und schreit.

Ein Mann der vor einer grünen Landfläche steht und in die Kamera schaut.
Landwirt Nigus Manaye vor seinem Maisfeld. Er freut sich über das Projekt der Stiftung.

So versucht er, Affen zu vertreiben, die ihm die Maiskolben von den Pflanzen reißen. „Das ist das Einzige, was hilft“, sagt der 45-Jährige. Erosion und hungrige Affen – diese Probleme gab es nicht, solange auch rund um Saziga noch dichter Wald stand. Die Bäume hielten das Regenwasser zurück und boten den Tieren ausreichend Nahrung, sodass sie sich meist von den Siedlungen fernhielten. Heute sind nur noch kleine, verstreute Waldinseln übrig. „Wir wollen sie wieder zu einem zusammenhängenden Ökosystem verbinden“, erklärt Misaw Atalay. Insgesamt soll das Schutzgebiet hier 129 Hektar umfassen, darunter auch den obersten Acker von Nigus.

Dass er dort bald nichts mehr anbauen kann, stört ihn nicht. Im Gegenteil: Er kann es kaum erwarten, dass die ersten Jungbäume in die Erde kommen. Menschen für Menschen unterstützt die Familien zusätzlich mit Kaffee- und Obstbaumsetzlingen und zeigt ihnen, wie sie auf ihren verbleibenden Feldern beispielsweise mithilfe von Agroforstwirtschaft oder Wurmkompost höhere Erträge erzielen können. „Wir achten schon heute darauf, dass kein weiterer Wald verschwindet“, sagt Nigus. „Wir müssen ihn schützen.“

So wie Waldwächter Emamo seinen Sirso schützt. „Die Bäume sind wie meine Kinder. Ich muss auf sie aufpassen.“ Vielleicht werden eines Tages auch viele andere Menschen in der Region so über die neuen Wälder sprechen können.