Neue Lebensquelle
Sauberes Wasser für das Dorf Oda Obo
Viele Stunden liefen die Mädchen und Frauen aus dem Dorf Oda Obo im Projektgebiet Dano bisher zum nächsten Fluss, schöpften verdrecktes Wasser, das sie nur krank machte. Heute gibt es einen Brunnen, den Menschen für Menschen gemeinsam mit den Dorfbewohnern errichtet hat. Die Zeit des Leidens, der unentwegten gesundheitlichen Beschwerden gehört damit der Vergangenheit an.
Bis vor Kurzem war der tägliche Marsch zur nächsten Wasserstelle eine Qual für die siebenjährige Tirengo Wendimagegn. Mit ihrer Mutter Gete Dejen marschierte sie häufig zu dem kleinen Flüsschen Toli. Allein für Hin- und Rückweg brauchten sie eine Stunde. Gete ging oft viermal täglich. „War ich angekommen, dauerte es manchmal zwei Stunden bis ich meinen Kanister füllen konnte“, erinnert sie sich.
Der Andrang war groß am Rinnsal, an den auch manch ein Bauer seine Kühe und Ziegen führte. Die einzige Wasserstelle war eine Brutstätte für Bakterien, Viren und Parasiten. Laut Weltgesundheitsorganisation sind Durchfallerkrankungen in Äthiopien die häufigste Todesursache bei Kindern unter fünf Jahren. Zwar konnte die Versorgung mit sauberem Wasser in den vergangenen knapp zwei Jahrzehnten landesweit von rund einem Viertel der Bevölkerung auf 65 Prozent deutlich erhöht werden, doch ist das Gefälle zwischen städtischen und ländlichen Regionen weiterhin groß: So verfügen laut einer im Jahr 2017 herausgegebenen Studie der Zentralen Statistikagentur Äthiopiens 97 Prozent der Stadtbewohner über Zugang zu sauberem Trinkwasser. Auf dem Land sind es lediglich 57 Prozent.
Wenn Wasser krank macht
„Das Wasser, das wir so mühsam herbeigeschafft hatten, machte uns krank, vor allem die Kleinen“, erzählt Gete. Immer wieder krümmten sich ihre Kinder vor Schmerzen, verloren ihren Appetit. In diesem Zustand war ein Schulbesuch unmöglich.
„Ich wusste, dass das verunreinigte Wasser der Grund war, warum es uns so schlecht ging. Aber wir hatten keine Wahl“, erinnert sich auch die 20-jährige Derartu Tesfaye. Mit ihrem Ehemann und der zweijährigen Tochter Hawi wohnt sie in der Nachbarschaft von Gete. „Als Hawi acht Monate alt war, wurde es besonders schlimm. Für Wochen hatte sie Durchfall, musste sich übergeben.“ Die nächste Krankenstation war zwei Stunden Fußmarsch entfernt in der Stadt Seyo. Immerhin bekamen sie dort Medikamente gegen die Beschwerden. „Auch mein Magen grummelte unentwegt. Das war mir immer sehr peinlich und ich traute mich oft nicht unter Leute“, sagt Derartu. Obwohl fast alle unter ähnlichen Symptomen litten, redete kaum jemand offen über die Beschwerden. Während der Regenzeit wurde der Gang zum Fluss eine Rutschpartie. Viele Frauen, die in Äthiopien traditionell für das Wasserholen zuständig sind, stürzten mit ihren schweren 20-Liter-Kanistern und verschütteten das mühsam geschöpfte Nass. Oft blieb nichts anderes übrig, als umzukehren und sich erneut anzustellen. Gerne hätte Derartu ihre Zeit in das Flechten von Tellern und Körben investiert, um sie auf dem Markt zu verkaufen. „Damit hätte ich mir ein wenig Geld dazu verdienen und etwas selbstständiger sein können. Doch bisher kam ich kaum dazu“, erzählt Derartu.
Der Mangel an sauberem Trinkwasser in erreichbarer Nähe hat in Äthiopien Einfluss auf viele Bereiche des dörflichen Lebens: sei es direkt durch die Krankheitserreger im Wasser, aber auch indirekt, etwa dadurch, dass Wasserholen für die Mädchen und Frauen einen immensen Zeitaufwand bedeutet, den sie besser für den Schulbesuch einsetzen könnten, oder um zusätzliches Einkommen zu verdienen. Im Projektgebiet Dano war die Lage besonders schlimm: Der Anteil der Menschen mit Zugang zu sauberem Wasser lag 2013, zu Beginn der Arbeit der Stiftung, bei nur 15 Prozent – 80.000 Menschen in der Region, mehrheitlich Kinder, lebten von verschmutztem Wasser. Durch den Bau von über 90 Quellfassungen und Handpumpbrunnen haben in Dano heute knapp dreimal so viele Menschen Zugang zu sauberem Wasser.
Gemeinsam anpacken!
Dreizehneinhalb Meter ist der Brunnen in Oda Obo tief. Im Frühjahr vergangenen Jahres 2018 begannen die Männer des Dorfes unter Anleitung von Menschen für Menschen mit der Grabung. Den Brunnen betreibt die Dorfgemeinschaft in Eigenregie. Monatlich fünf Birr, umgerechnet 15 Cent, fließen von jedem der 60 Haushalte in einen gemeinsamen Topf. Mit dem Geld wird ein Brunnenwächter bezahlt. Außerdem dient der gemeinschaftliche Obolus dazu, die kleinen Reparaturen zu finanzieren, die das von der Dorfgemeinschaft gewählte Wasserkomitee durchführt. Das Versprechen der Dorfbewohner, beim Bau des Brunnens mitanzupacken und die Ernennung eines Wasserkomitees sind für Menschen für Menschen Grundvoraussetzung für den Beginn der Aktivitäten. So stellt die Äthiopienhilfe sicher, dass sich die Bevölkerung dauerhaft und über das Ende der Aktivitäten in der Region um den Erhalt des Trinkwasserzugangs kümmert.
„Wenn sie heute ihr Wasser am Brunnen holen, bedanken sich viele bei mir.“
Etwa 2.500 Euro kostet der Bau eines Brunnens. In Aktionswochen der Supermarktketten Rewe und Penny konnte die Alois Dallmayr oHG durch den Verkauf der Sorte Dallmayr Ethiopia Spenden für den Bau von fünf weiteren dringend benötigten Brunnen einsammeln. Da in der Gemeinde, zu der Oda Obo gehört, noch immer viele Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, plant Menschen für Menschen hier einen weiteren Brunnen zu errichten. Die Stiftung baut allein in diesem Jahr 2019 19 weitere Wasserstellen in Dano.
Neue Hoffnung schöpfen
Derartu sitzt auf der Terrasse ihrer kleinen Hütte und säumt mit Nadel und Faden die Ränder eines bunten Korbtellers, den sie geflochten hat. „Ich würde das Geld, das ich durch den Verkauf der Teller verdiene, gerne in einen kleinen Kiosk investieren“, erzählt sie. Ihr Haus liegt an einer kleinen Straße, viele Dorfbewohner kommen täglich vorbei. „Vielleicht kann ich mir diesen Traum erfüllen“, sagt sie, „jetzt wo ich nicht mehr ewig zur nächsten Wasserstelle laufen muss.“
Auch für Tirengo und ihre beste Freundin Mimi hat sich durch den neuen Brunnen das Leben verändert. Die wenigen Minuten von ihrem Zuhause zur Wasserstelle gehen sie häufig gemeinsam, beim Einfüllen des Wassers in die Kanister sind sie mittlerweile ein eingespieltes Team. „Wenn wir anstehen müssen, sagen wir uns gegenseitig das Alphabet vor oder zählen“, sagt Tirengo lächelnd. „Und endlich bleibt genügend Zeit, um in die Schule zu gehen.“