Fünf Personen bauen in einem Klassenzimmer gemeinsam ein elektronisches Projekt mit Drähten zusammen.

Anschlüsse in die Zukunft

Anschlüsse in die Zukunft

Zukunftsvision für die Jugend

Rund 60 Prozent der Äthiopierinnen und Äthiopier leben von der Landwirtschaft. Gleichzeitig modernisiert sich das Land in großen Schritten: Viele Unternehmen suchen gut ausgebildete technische Fachkräfte, Ingenieurinnen und Mechaniker, doch daran mangelt es. Auf der anderen Seite ist gerade in der jungen Generation die Arbeitslosigkeit hoch. Um die Lücken zu schließen und Perspektiven zu geben, bauen, renovieren und statten wir im ganzen Land Berufsschulen aus. Außerdem betreiben wir seit 1992 ein eigenes technisches College, das ATTC, in Harar. Denn eine gute berufliche Bildung ist der Schlüssel für eine bessere Zukunft.

Fachkräfte von morgen

Die erste Aufgabe heißt: Kabel entwirren. Wochenlang lagen diese unbenutzt in der Schublade des Kursraumes. „Nach den Ferien brauchen wir immer etwas, um wieder reinzukommen“, gibt Jerusalem Bekana, Studentin der Elektrik und Elektrotechnik, zu. Dann fischt die schmächtige 22-Jährige gleich mehrere gelbe, rote und schwarze Kabel aus dem Knäuel und steckt sie in einen Modulator. Sie und ihre Kommilitonen lernen in dem Nachrichtentechnik Seminar, wie sie Informationen über lange Distanzen übermitteln.

Vor vier Tagen ist Jerusalem an das ATTC nach Harar zurückgekehrt. Ihre freie Zeit hat sie genutzt, um sich auf ihre Kurse in diesem letzten Studienjahr vorzubereiten. Jerusalem fragte ehemalige Studierende nach Unterrichtsmaterial, recherchierte im Internet. „Ich möchte meine Leistung weiter verbessern und einen richtig guten Job finden.“

Um motivierten jungen Menschen wie ihr den Weg in eine erfolgreiche berufliche Zukunft zu ebnen und die wachsende äthiopische Wirtschaft mit Fachkräften zu versorgen, hat Menschen für Menschen das ATTC vor mehr als 30 Jahren gegründet. Die Absolventinnen und Absolventen sind sehr gefragt. Neben Elektrik und Elektrotechnik kann man hier auch auf dem Gebiet der Fertigungs- und Automobiltechnik einen Bachelor absolvieren. Das Studium ist kostenlos: Maschinen, Werkzeuge, Arbeitskleidung, Lehrbücher, die Unterkunft und Verpflegung der 428 Studierenden werden durch Spenden und über Stipendien deutscher Firmen getragen, wie der Bürkert Werke: Rund 40 Frauen finanziert das schwäbische Technologieunternehmen die Ausbildung. Darunter auch Jerusalem.

Jerusalems Weg in die berufliche Zukunft

Als eine von vier Geschwistern ist sie in Fincha im Bundesstaat Oromia, 800 Kilometer weiter westlich, aufgewachsen. Vor den Toren der Stadt stehen zwei Wasserkraftwerke. Wie sie Strom produzieren, hat Jerusalem schon immer fasziniert.

„Ich wollte schon seit meiner Kindheit Elektroingenieurin werden“, erklärt sie. Als sie von dem College hörte, bewarb sie sich. An ihre ersten Tage am ATTC erinnert sie sich bis heute genau. Mit den fünf anderen jungen Frauen in ihrem Schlafsaal sprach Jerusalem damals kaum. „Wir waren noch nie so weit weg von zuhause und alle sehr schüchtern“, sagt sie und kichert. „Heute kaum noch vorstellbar.“

Junge Studenten unterhalten sich beim Mittagessen in einer mit Pflanzen gefüllten Kantine.
Jerusalem Bekana (Mitte) startet in ihr letztes Studienjahr am ATTC.

Aus den Fremden, die aus unterschiedlichen Regionen Äthiopiens kommen, verschiedenen Ethnien und Religionen angehören, sind enge Freundinnen geworden. Sie helfen sich bei den Seminaraufgaben, gehen zusammen in die Bibliothek. Wenn eine von ihnen mittags oder abends zu einem Gottesdienst geht, nehmen die anderen ihr das Essen aus der Kantine mit. Am Wochenende fahren die Mädchen manchmal in die Innenstadt zum Shoppen oder schauen abends Filme auf ihren Handys.

„Das Miteinander hier werde ich am meisten vermissen“, sagt Jerusalem. Nach ihrem Studium würde sie gerne bei Ethio Telecom, dem landesweiten Internet- und Telefondienstanbieter arbeiten. „Wir leben im Informationszeitalter“, sagt sie. „Wussten wir früher wenig über andere Orte auf der Welt, können wir heute alles googeln und problemlos mit Menschen überall kommunizieren.“

Bis sie ihren Berufswunsch umsetzen kann, muss Jerusalem noch einige schriftliche Prüfungen bestehen und ihr praktisches Abschlussprojekt vorlegen. Jerusalem plant ein Ampelsystem zu entwickeln, das mehr als rot, gelb und grün anzeigt. „Die Passanten sollen sehen, wie viel Zeit ihnen zum Überqueren der Straße bleibt“, erklärt sie. „Auch hier kann Kommunikation das Leben verbessern.“