Die Lösungswerkstatt
In Jeans und gestreiftem Hemd steht Muaz Hussien in der Lehrwerkstatt des ATTC. Bis vor wenigen Monaten hat er hier täglich im Blaumann geschweißt, gefräst und gefeilt. An diesem Morgen ist der 25-Jährige angetreten, um sein Abschlussprojekt vorzuführen: Er drückt den Schalter der Maschine vor sich und wirft ein großes Stück Plastik in einen Trichter. Laut rumpelnd wird es im Inneren gehäckselt und schießt Sekunden später in kleinen Schnipseln in einen Pappkarton. „So lässt sich das Plastik besser transportieren“, schreit Muaz gegen das Rattern an und dreht sich zum Publikum.
Problem: Mangelhafte Abfallwirtschaft
Zwar gibt es kommunale Abfallunternehmen und private Müllsammler sowie wenige Recycling-Unternehmen, doch insgesamt wird Plastikmüll zu selten wiederverwertet. Stattdessen verbrennt er unter freiem Himmel, landet auf überfüllten Müllkippen oder in der Natur. Auch im direkten Umfeld des ATTC, in der ostäthiopischen Stadt Harar und umliegenden Gemeinden, war Muaz täglich mit dem Problem konfrontiert: Ob Straßengräben, Felder, Märkte und vor Geschäften, überall liegen Verpackungen, Plastiktüten und -flaschen.
„Es braucht bis zu 450 Jahre bis so eine Flasche zersetzt ist“, erklärt Muaz „Als wir uns näher mit dem Thema beschäftigten, merkten wir, dass der Plastikabfall oft sperrig ist.“ Das mache den Transport aufwändig und wenig effizient. Auch sei es schwerer, große Plastikteile zu verarbeiten.
Lösungsorientiertes Studium
Das ATTC gehört zu den besten Hochschulen des Landes. Das Studium ist kostenlos. Maschinen, Werkzeuge, Arbeitskleidung, Bücher, sowie Verpflegung und Unterkunft für Studenten werden durch Spenden finanziert. Nur so kann gewährleistet werden, dass talentierte junge Menschen aus armen Verhältnissen die Möglichkeit zu einem Studium bekommen. Jahr für Jahr gehen rund 1.500 Bewerbungen für etwa 220 Studienplätze ein. Die Bewerber, die nach erfolgreicher Aufnahmeprüfung schließlich einen der begehrten Plätze ergattern, können sich nach einem Studium-Generale-Jahr zwischen vier Studiengängen entscheiden und innerhalb von vier Jahren in Fertigungstechnik, Elektronik & Elektrotechnik und Automobiltechnik mit einem Bachelor of Arts abschließen.
Der Studiengang Agrarökologie dauert drei Jahre. Bereits während dieser Zeit übernehmen viele Studierende Auftragsarbeiten von Unternehmen und Behörden. „Es ist toll, mitzuerleben, wie sich die jungen Menschen bei uns weiterentwickeln“, sagt Fertigungstechniker Tesfaye. Am Anfang wüssten die meisten nicht einmal genau, welche Metalle es gibt, am Ende verstünden sie komplexe Maschinen. Und können sie selbst herstellen.
"Ich habe mich auf dem Campus sofort wohlgefühlt“
Beste Voraussetzungen für die Berufswahl
Absolvent Muaz fand eine Woche nach seinem Abschluss eine Arbeitsstelle an einer internationalen Privatschule in der Nähe des ATTC. Dort ist er für die Haustechnik zuständig und gibt einen Kurs im Technischen Zeichnen. „Den gab es schon vorher, aber durch meine Ausbildung kann ich den Unterricht viel fundierter gestalten“, berichtet Muez, froh, sein Wissen an andere weitergeben zu können. Doch am allerliebsten würde er sich mit seinen ehemaligen Kommilitonen selbstständig machen, um den Plastikhäcksler im ganzen Land zu vertreiben. Der äthiopischen Umwelt würde es gut tun.