Fachkräfte für die Zukunft
Projekt: ATTC
Mit dem eigenen College will Menschen für Menschen junge Frauen und Männer fördern und zu einer erfolgreichen Entwicklung Äthiopiens beitragen. Nur für überholte Rollenbilder ist hier kein Platz.
Fragt man Suse Obsi Wirtu nach ihrem beruflichen Vorbild, fällt ihr niemand ein. In ihrem Studienfach Automobiltechnik und in der Branche, in der sie später arbeiten möchte, gibt es kaum Frauen. Auch unter ihren männlichen Kommilitonen hat sie die Skepsis gespürt: „Sie haben mir nicht zugetraut, dass ich das Studium durchhalte“, sagt Suse, deren rosa Turnschuhe perfekt auf den Pullover abgestimmt sind. Sie lächelt stolz. Von ihrem Weg hat sie sich nie abbringen lassen. „Schon als Kind war ich fasziniert von Autos. Ich wollte verstehen, wie sie funktionieren.“
Heute gehört die 22-Jährige zu den Besten ihres Jahrgangs. Sie studiert am Agro Technical and Technology College (ATTC), das Menschen für Menschen seit knapp 30 Jahren in Harar im Osten Äthiopiens betreibt.
Die Stiftung möchte jungen Frauen und Männern mit dem College einen Weg in eine erfolgreiche Zukunft ebnen, die wachsende äthiopisch Wirtschaft mit Fachkräften versorgen und so zur Entwicklung des ganzen Landes beitragen.
Ausbildung von Fachkräften in verschiedenen Fachbereichen
Neben Automobiltechnik können die Studentinnen und Studenten am ATTC in Fertigungstechnik, Elektrik & Elektrotechnik und in Agrarökologie einen Bachelorabschluss machen – unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten. Denn das Studium ist kostenlos. Maschinen, Werkzeuge, Arbeitskleidung, Lehrbücher, die Unterkunft und Verpflegung der über 700 Studierenden werden durch Spenden getragen. Engagiert sind hier neben anderen die Bürkert Werke aus Ingelfingen. Das Technologieunternehmen will insbesondere talentierte Frauen fördern und unterstützt außer Suse noch weitere elf Studentinnen.
Bildung
Äthiopien wandelt sich: Neue Arbeitsplätze entstehen im boomenden industriellen Bereich,nationale und internationale Unternehmen suchen gut ausgebildete Ingenieure und Mechaniker. Doch im Land mangelt es an diesen Fachkräften. Zugleich sid viele junge Äthiopier arbeitslos. Um diese Lücke zu schließen und für die junge Generation Perspektiven zu schaffen, bauen wir im ganzen Land Berufsschulen und statten sie mit allem Nötigen aus. Außerdem betreiben wir seit 1992 ein eigenes technisches College. das ATTC in Harar. Denn eine qualifizierte Ausbildung ist der Schlüssel zu einer gesicherten Zukunft.
„Die Stiftung begleitet mich jetzt schon mein ganzes Leben“, sagt Suse. Geboren ist sie in Mettu, einer Kleinstadt etwa 1.000 Kilometer südwestlich von Harar; in einem Krankenhaus, das Menschen für Menschen erbaut hat. Später besuchte sie eine Grund- und eine weiterführende Schule, beide ebenfalls von der Äthiopienhilfe errichtet. Und als ihr Absolventen des ATTC von dem College vorschwärmten, war ihr Interesse geweckt und sie meldete sich für den Aufnahmetest an. „Ich habe sehr lange gelernt.“ Suse wusste, das ATTC ist beliebt, pro Studienjahr bewerben sich zwischen 1.500 und 2.000 Interessenten auf rund 200 Plätze. “Die Zusage kam per SMS. Ich rief sofort meinen Vater an. Der freute sich noch mehr als ich.”
Praxisorientierter Unterricht und College-Leben
Von Anfang an hat sie beeindruckt, wie praxisorientiert der Unterricht ist. Den Studenten stehen Lehrwerkstätten und Labore zur Verfügung. Immer wieder bekommt das College Aufträge von Unternehmen oder Behörden, die Studenten mit Unterstützung ihrer Lehrer umsetzen – fast wie im richtigen Leben. „Wir können Motoren und Maschinen anfassen und testen. So lernen wir sehr viel“, sagt die junge Frau.
Trotz ihrer Wissbegierde fiel es ihr zunächst schwer, so weit von zu Hause entfernt zu leben. Sie hatte Heimweh und telefonierte häufig mit ihren Eltern. Doch mittlerweile hat sie auf dem Campus viele Freunde gefunden. “Ich finde es toll, dass ich hier mit Menschen aus ganz Äthiopien zusammenwohne”, erzählt sie, “und dass alle unterschiedliche Kulturen und Religionen mitbringen.” Selbständig leben, Toleranz einüben, sich mit Neuem zurechtfinden, in Teams arbeiten, verantwortungsvoll Aufgaben erledigen – all das lernen die Studierenden am ATTC. “Ich fühle mich gut auf das Leben nach dem College vorbereitet”, sagt Suse.
Gut gerüstet für die Zukunft
In ein paar Monaten hat sie ihre schriftlichen Abschlussprüfungen und muss ein großes praktisches Projekt präsentieren, an dem sie bereits intensiv mit Kommilitonen arbeitet. Die Gruppe hat sich ein hohes Ziel gesetzt: Sie will technische Wege finden, um die Luftverschmutzung durch Autoabgase zu reduzieren. „Viele der alten, gebrauchten Autos, die wir importieren sind umweltschädlich“, erläutert Suse.
Sie selbst möchte mit ihrem Wissen die äthiopische Autoindustrie voranbringen. Am liebsten bei MOENCO, einem der größten Automobilunternehmen Äthiopiens. „Ich habe gute Chancen auf einen Job. Wir haben viel mehr Praxiserfahrung als Absolventen anderer Universitäten. Danach suchen die Firmen“, sagt Suse und verabschiedet sich. Sie muss zum Lernen in die Bibliothek.