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Unser täglich Wasser

Schwerpunkt: Wasser
Projektgebiet: Wogdi

Lange bestimmte Mangel an sauberem Trinkwasser den Alltag der Bewohner Makeftas. Das verschmutzte Nass aus dem Fluss machte sie krank. Stundenlanges Warten am Brunnen raubte ihnen viel Zeit. Menschen für Menschen hat nun im Projektgebiet Wogdi ein Versorgungssystem errichtet, das der täglichen Wassernot ein Ende setzt.

Fünf Jahre ist es her, dass Shigult Gisaw zum ersten Mal im Leben eine Hyäne sah. Wie immer war sie mit ihrer Mutter Yerom am späten Abend von ihrem Zuhause in Makefta vierzig Minuten zum Fluss Berew Sar gelaufen. Sie hatten ihren Esel mitgenommen, der helfen sollte, die Wasserkanister für die zehnköpfige Familie zu schleppen.

Während sich die Mutter am Flussufer in die Schlange stellte, blieb Shigult etwas abseits mit dem Esel stehen. Plötzlich schrie das Tier auf. Etwas zerrte an ihm. „Eine Hyäne, da ist eine Hyäne“, kreischten die Frauen neben Shigult. Erschrocken ließ sie den Strick fallen, mit dem sie den Esel festhielt, und rannte los. Weg von der Hyäne, hinein in die tiefdunkle Nacht.

„Es war ein großes Chaos. Alle liefen wild durcheinander“, erinnert sich die Mutter. Keiner ahnte, dass Shigult zu Verwandten gestürmt war, die nah am Fluss lebten. Yerom wurde schwindelig, alles drehte sich. Ohnmächtig sank sie zu Boden. Im Morgengrauen trugen sie die Frauen nach Hause.

„Ich dachte, meine Tochter sei tot“, sagt Yerom und blickt zu Boden. Bis heute geht der 46-Jährigen das schreckliche Erlebnis und das Gefühl der Hilflosigkeit sehr nah. Sie vergräbt ihre Hände tief in ihrem Schoss, spricht leiser. Ihr sonst so herzliches Lachen verstummt.

Häufigste Todesursache bei Kindern

Yerom wusste, dass sich Hyänen vor allem in der Dunkelheit aus ihren Verstecken trauen. Angriffe der Raubtiere auf Esel und anderes Vieh waren nichts Ungewöhnliches. Doch tagsüber Wasser zu holen, hätte bedeutet, stundenlang in der Schlange zu stehen, denn der Fluss war eine der wenigen Wasserquellen für umliegende Siedlungen und die Bewohner Makeftas, eine Kleinstadt knapp 600 Kilometer nordöstlich von Addis Abeba.

Schlimmer jedoch: Das Wasser, für das sie Nacht für Nacht den gefährlichen Weg auf sich nahmen, machte sie krank. Shigult und ihre sieben Geschwister bekamen Ausschlag, klagten ständig über Bauchschmerzen. Sie übergaben sich und hatten Durchfall. „Für ihr Alter waren sie viel zu klein“, berichtet Yerom. Häufige Druchfallerkrankungen führen bei Kindern zu Wachstumsstörungen. Die geringen Einnahmen, die ihre Landwirtschaft einbrachte, gab die Familie für Arztbesuche aus. „Nach der Behandlung, konnten die Kinder zumindest für einige Tage ohne Beschwerden zur Schule gehen“, erinnert sich Yeroms Ehemann Gizaw.

Wie ihm und seiner Familie geht es vielen Menschen in Äthiopien. Laut dem Kinderhilfswerk UNICEF fehlt etwa 35 Prozent der äthiopischen Haushalte der Zugang zu sauberem Trinkwasser, besonders auf dem Land. Durchfallerkrankungen sind noch immer die häufigste Todesursache für Kinder unter fünf Jahren. Jährlich sterben mehr als 70.000 Mädchen und Jungen daran.

Wasser für eine Kleinstadt

Um dem Mangel an sauberem Trinkwasser ein Ende zu setzen, ließ Menschen für Menschen zunächst Brunnen errichten. „Endlich hatten wir Wasser, das uns nicht mehr krank machte“, sagt Yerom. „Doch wir mussten immer noch ewig dafür anstehen.2 Einigen Frauen und Mädchen gingen daher weiterhin zu dem verdreckten Fluss.

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Glückliche Familie: Yerom (Mitte), ihr Mann Gizaw und Tochter Shigult freuen sich, dass die Sorge um das tägliche Wasser endlich vorüber ist.

Nun hat sich die Situation noch einmal zum Positiven verändert: Mit Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)  legte die Äthiopienhilfe 2016 bis 2018 in Makefta ein lokales Wassersystem an, das die rund 4.000 Bewohner der Stadt sowie die knapp 800 Schüler, die täglich nach Makefta kommen, versorgt.

Es ist bereits das siebte Versorgungssystem, das Menschen für Menschen in Äthiopien errichtete. Etwa drei Kilometer von der Stadtgrenze Makeftas entfernt wird Grundwasser aus mehr als 180 Metern Tiefe gefördert und in ein Reservoir auf einem Hügel über der Stadt gepumpt. Von dort aus wird es zu den 16 öffentlichen Wasserstellen sowie zwei weiteren an den Schulen der Stadt geleitet.

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An einer Wasserstelle, am Rand eines großen sandigen Platzes, inmitten von Makefta, steht Getachew Ahmed. Von seinem Haus, in dem er mit seiner Frau und seinen Kindern lebt, braucht er nur fünf Minuten zu Fuß. Es ist zehn Uhr morgens. Die Sonne hat die kalte Luft, die sich im Hochland nachts über das Land legt, längst vertrieben, als der 48-Jährige den Hahn aufdreht. Wasser schießt in die aufgeschnittene Plastikflasche, die er als Trichter in die Öffnung seines gelben 20-Liter-Kanisters gesteckt hat. ­­

Seit der Eröffnung des Wassersystems schöpft er oft mehrmals am Tag Wasser. „Früher mussten wir mit zwei Kanistern pro Tag auskommen“, erinnert er sich. Standen der achtköpfigen Familie damit täglich nur 40 Liter Wasser fürs Trinken, Kochen, Waschen und Putzen zur Verfügung, sind es heute dreimal so viel. Im Vergleich: Jeder Deutsche verbraucht am Tag durchschnittlich 121 Liter, also in etwa so viel wie Getachews ganze Familie. Mit der neuen Trinkwasserversorgung konnten nachweislich die durch verunreinigtes Wasser verursachten Krankheiten von ursprünglich zwölf Prozent auf unter zwei Prozent reduziert werden.

Trinkwasser nachhaltig sichern

Auch andere Männer – junge und alte, Singles und Familienväter – stehen überall in der Stadt an den Wasserhähnen. Ein ungewöhnliches Bild in Äthiopien, wo Wasserholen traditionell Aufgabe der Frauen und Mädchen ist. „Jetzt geht es viel schneller. Da helfe ich meiner Frau gerne“, sagt Getachew mit einem Lächeln.

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Seitdem Getachew Ahmed (r.) und seine Frau jederzeit Wasser holen können, ist es für die Familie viel einfacher, Kleidung und den Haushalt sauber zu halten.

Dadurch entlastet er auch seine drei Töchter, die zuvor täglich Stunden auf dem Weg zum Fluss oder am Brunnen verbracht hatten und dadurch oft zu spät zum Unterricht kamen oder ihn ganz verpassten.

„Wenn ich am Wasserhahn stehe, fasziniert mich noch immer, wie die Anlage technisch funktioniert“, erklärt Getachew. Gemeinsam mit seinen Söhnen und vielen anderen Anwohnern hat er die Gräben für die Leitungen ausgehoben. Dass sich die Menschen an den Bauarbeiten beteiligen, ist für Menschen für Menschen Voraussetzung, wenn die Stiftung in einer Kleinstadt wie Makefta ein Wasserversorgungssystem baut. Ebenso die Ernennung eines Wasserkomitees. So stellt die Äthiopienhilfe sicher, dass sich die Bevölkerung auch nach Ende ihrer Aktivitäten in der Region um die Anlage kümmert und die Trinkwasserversorgung der Kleinstadt langfristig gesichert bleibt.

In einem viertägigen Training haben die zwölf Mitglieder des Komitees deshalb gelernt, wie die Anlage funktioniert. Sie bekamen ein Werkzeug-Set und können kleinere Reparaturen selbstständig erledigen. Pro Wasserkanister und Nutzung der neuen öffentlichen Duschen zahlen die Bewohner Makeftas wenige Cents.

Damit deckt das Wasserkomitee die Kosten für Instandsetzungen und entlohnt Kassiererinnen, die sie für die Wasserstellen eingestellt haben. Sie schließen die eingezäunten Wasserstellen morgens und nachmittags auf, achten darauf, dass alle Nutzer ihren Obolus zahlen und melden, wenn es Probleme gibt.

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Als Kassiererin an einer der Wasserstellen kontrolliert Likiye Mihretu (l.), ob alle den kleinen Obolus für das Wasser bezahlt haben.

Nutzen für Haushalt und Familie

Von dem Versorgungssystem profitieren nicht nur Familien in Makefta, sondern auch Bewohner umliegender Dörfer, denn der Andrang an den Wasserstellen außerhalb der Stadt hat sich deutlich entspannt. Die 19-jährige Zahabu Mehamed steht an einem der Brunnen, den Menschen für Menschen errichtet hat. Ihre knochigen Hände ziehen den Pumpschwengel immer wieder hinunter, so lange bis sich ihr Kanister mit Wasser gefüllt hat.

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Seit es in Makafta Wasser für alle gibt, ist es auch am Brunnen vor den Toren der Kleinstadt viel leerer. Zahabu Mehamed freut sich darüber.

Es ist Mittag, Zahabu ist allein. Vor Inbetriebnahme der Wasserversorgung war das undenkbar. „Selbst wenn ich im Morgengrauen kam, musste ich Stunden anstehen“, erzählt  sie. Ihre Tochter Hikma, damals noch ein Säugling, musste sie oft bei ihren Schwiegereltern lassen. „Ich freue mich, dass ich mich heute besser um sie kümmern kann.“

Auch Yerom, Shigult und Gisaw sind froh, dass sie sich heute nicht mehr um sauberes Wasser sorgen müssen. Von ihrer Hütte zur Wasserstelle sind es nur wenige hundert Meter. „Wir können uns und unseren Haushalt jetzt viel sauberer halten“, berichtet Gisaw. „Früher haben wir nur zu besonderen Anlässen geduscht. Heute geht das, wann immer wir wollen.“