Kampf ums Überleben
Region: Agarfa
Äthiopien wird derzeit von der schlimmsten Dürre seit Jahrzehnten heimgesucht. In manchen Gegenden sind seit mehr als einem Jahr die Regenzeiten ausgefallen. Die Niederschläge, die es gab, reichten nicht, um Getreide und Gemüse zur Reife zu bringen. Eine Ernte nach der anderen fiel aus.
Klimawandel als Fluchtursache
Als Grund für die Dürre gilt „El Niño“, ein Wetterphänomen, das weltweit für Turbulenzen sorgt. Es soll für Trockenheit in Ostafrika, Australien und Südostasien ebenso verantwortlich sein, wie für starken Regen in Südamerika. Dass die El Niño-Extreme heftiger werden, erklären Wissenschaftler mit dem Klimawandel. Und so lassen sich die aktuelle Dürre und die mit ihr verbundene Not am Horn von Afrika als Vorboten eines der künftig größten Probleme der Menschheit lesen: Migrationsforscher schätzen die Zahl der Menschen, die bis zum Jahr 2050 vor den Folgen des Klimawandels fliehen müssen, auf 50 bis 350 Millionen.“
Doch es mangelt ihnen nicht nur an Energie. Mais füllt den Magen, aber er liefert nicht alle Vitamine und Spurenelemente. „Als ich schwanger war, bin ich zur Gesundheitsstation, weil ich so schwach war“, erzählt Workenesch.
„Sie sagten, ich litte unter Blutarmut.“ Eine Folge von Eisenmangel – für Frauen in Äthiopien, die viele Kinder bekommen und keine abwechslungsreiche Kost zu sich nehmen, ist das eine alltägliche Diagnose. Zwar nimmt Workenesch nun Eisentabletten. „Aber immer noch fühle ich mich häufig schwindelig“, erzählt die Bäuerin, „alles dreht sich um mich herum.“
Fragiler Aufschwung
Dürre und Hunger in Äthiopien: Das weckt Erinnerungen. Von 1983 bis 1985 erlebte das Land das größte Hungersterben Afrikas der vergangenen Jahrzehnte. Die Zahl der Opfer wird auf eine halbe Million bis eine Million geschätzt. Fotos von Sterbenden gingen um die Welt und prägen das Bild von Äthiopien als „Hungerland“ bis heute.
Doch seither hat sich eigentlich viel getan: Die Wirtschaft des Landes wächst im Rekordtempo und hat Äthiopien den Ruf als „Afrikanischer Tiger“ eingebracht. Doch mit jeder neuen Dürre zeigt sich, wie fragil der Aufschwung ist. Mehr als 90 Prozent der Bevölkerung sind nach wie vor Kleinbauern, die von dem leben, was ihr Acker hergibt. Rücklagen für schlechte Zeiten haben sie nie bilden können. Jeder Ernteausfall bedroht schon bald ihre Existenz.
Ahmed Sirag winkt uns in seine ärmliche Rundhütte. Rostige Töpfe und ein Bündel Holz liegen herum. Hinter einer Plane: die Strohmatte der Eltern. Die Kinder schlafen auf dem Lehmboden. „Dort lagerte immer unser Getreide“, sagt Ahmed und deutet auf die nackte Wand. 300 Kilo Weizen und Gerste erntete er in guten Jahren. Dazu ein paar Kilo Mais und ein wenig Gemüse. Ein mannshoher Stapel Säcke, der die Familie bis zur nächsten Ernte ernährte. Morgens gab es Gerstenbrei, mittags und abends „Injerra“, das traditionelle Fladenbrot aus Sauerteig.
Die Nothilfe läuft
Schwangere Frauen, stillende Mütter und Kleinkinder erhalten zusätzlich 4,5 Kilogramm Famix, ein proteinreiches Nahrungsergänzungsmittel. Insgesamt verteilt die Stiftung Lebensmittel an 32.500 Menschen
„Dank der Hilfe können meine Kinder wieder drei Mal am Tag essen“, sagt Ahmed Sirag. „Sie sind nicht mehr so kraftlos, das beruhigt mich.“ Dürre und Nothilfe zeigen einmal mehr, wie wichtig die Arbeit von Menschen für Menschen ist. Durch die von der Stiftung initiierten Maßnahmen in elf langfristig angelegten Projektregionen werden Kleinbauern in die Lage versetzt, bessere Erträge zu erwirtschaften, Krankheiten zu besiegen oder durch eine bessere Bildung und Ausbildung neue Einkommensquellen zu entwickeln.
Tewelde Gebre Kidan (52), Koordinator des Nothilfeprogramms von Menschen für Menschen in Agarfa.