Wasser für die Kinder von Arekit
Arekit ist eine Kleinstadt mit 3.500 Einwohnern auf 2.911 Metern Höhe. Busse, die auf der staubigen Piste das Stadtzentrum erreichen, hatten bisher gewöhnlich neben ein paar Koffern und Pappkartons viele Kanister aufs Dach gebunden: Reisende nach Arekit brachten Wasser mit. Kleinstädte im ländlichen Äthiopien haben häufig kaum Budget für öffentliche Investitionen; zwar hat die Stadtverwaltung in Arekit Mitte der Neunziger Jahre eine Versorgung mit drei Entnahmestellen errichten lassen, doch zwei davon funktionierten aufgrund des geringen Wasserdrucks im Reservoir schon lange nicht mehr.
Angst vor Hyänen
Deshalb gingen Melkamu, Temesgene und die meisten anderen Einwohner von Arekit die Steilhänge hinunter, wo kleine Rinnsale aus dem Gestein sprudeln. Diese sind nicht durch Quellfassungen geschützt. Auch Vieh trinkt aus den Rinnsalen. Und auch dort mussten die Menschen besonders in der Trockenzeit warten, bis sie an der Reihe waren, um ihre Kanister mit aufgeschnittenen Plastikflaschen voll zu schöpfen.
Manchmal wurde es über dem Warten Nacht. Auf dem Rückweg hinauf zur Stadt fürchteten sich Kinder und Frauen vor den Hyänen, die in der Dunkelheit mutig werden. „Schon mehrmals kam es in unserer Gegend zu Angriffen mit Todesopfern“, sagt Bürgermeister Asefa Menjeta.
Wer den Weg die Hänge hinunter vermeiden wollte, ging zum Arekit-See. In einer weiten Mulde auf der Hochfläche hat sich ein flaches, stehendes Gewässer gebildet, so groß wie zehn Fußballfelder.
Die häufigsten Krankheiten in der Stadt laut den Statistiken der Gesundheitsstation seien Diarrhö, Darmparasiten und Typhus. Vor allem die Kinder sind betroffen.
Langlebige Investitionen
Das alles ist nun vorbei. Nachdem die Einwohner sich mehrmals an Menschen für Menschen gewandt hatten, beauftragte die Äthiopienhilfe ein Ingenieurbüro, einen Plan auszuarbeiten. Im Tal des Woire-Flüsschens wurde ein Tiefbrunnen gebohrt und ein Generatorhaus errichtet. Der neue Brunnen soll schon im Juni 2014 mindestens 1.000 Kubikmeter Wasser pro Tag liefern. Vom Brunnen wird das Wasser über eine Leitung sechs Kilometer weit in das neue Reservoir auf einer Anhöhe über der Stadt gepumpt. Per Schwerkraft fließt es von dort in sieben neue öffentliche Entnahmestellen.
Sämtliche Gräben für die Wasserleitungen zogen die Einwohner mit Schaufeln und Hacken in schwerer Handarbeit – das Engagement der Bevölkerung war für die Äthiopienhilfe Voraussetzung für ihr Projekt. Da in Äthiopien keine Produkte erhältlich sind, die einem hohen Qualitätsstandard entsprechen, wurden Rohrleitungen, die Pumpe und der Generator aus Europa eingeführt. So wird die Langlebigkeit der geschaffenen Infrastruktur gewährleistet, um 3.500 Menschen in Arekit über Jahrzehnte mit sauberem Trinkwasser zu versorgen.
Waschen ist kaum möglich
Vier Kinder hat sie noch, ihr Sohn Seifedin ist tot. Seifedin starb, als er etwa im gleichen Alter wie die kleine Mulut war. “Er hatte viele Wochen lang Durchfall“, sagte Genet Hussein. Zur Gesundheitsstation ging sie nicht. „Wir müssen für die Medizin bezahlen, und wir hatten kein Geld.“
Es ist wahrscheinlich, dass Seifedin noch am Leben wäre, wenn die Familie ausreichend sauberes Wasser zur Verfügung gehabt hätte. „Ich gebe mir die Schuld an seinem Tod“, sagte Genet Hussein. „Das macht mir schwer zu schaffen.“ Die kleine Mulut erhob sich von ihrem Schoß, ging ein paar tapsende Schritte zu ihrem großen Bruder Melkamu und küsste ihn sachte auf den Mund.