Zusammen arbeiten

„Sie müssen die Menschen mit ins Boot holen“

Die Stiftung Menschen für Menschen will die Lebensbedingungen in ihren Projektregionen nachhaltig verbessern. Erreicht sie dieses Ziel? Dieser Frage ist der Fachmann für ländliche Entwicklung Dr. Jochen Currle 2015 in Merhabete nachgegangen. Die zentraläthiopische Region gehörte bis 2009 zu den Projektgebieten von Menschen für Menschen. Sechs Jahre später fällt Currles Fazit im Rahmen der Ex-Post-Evaluation positiv aus: Merhabete hat sich grundlegend gewandelt.

Herr Dr. Currle, in Merhabete leben rund 133.000 Menschen auf 952 Quadratkilometern, einem Gebiet, etwas größer als Berlin. Wie gehen Sie vor, um Veränderungen in einem so großen Raum zu messen?

Ich kann natürlich nicht jeden Haushalt untersuchen. Deshalb studiere ich zunächst Berichte und Statistiken aus der Zeit vor Projektbeginn. Dann schaue ich mir an, welche Ziele Menschen für Menschen hier im Rahmen seiner Projektarbeit ver­folgt hat und welche Maßnahmen umgesetzt wurden. An dritter Stelle stehen die aktuellen Statistiken, die den Ist-Zustand abbilden. Auf diese Weise erstelle ich ein Ursache-Wirkungs-Modell. Diese Schreibtisch­arbeit ist die Basis, sie allein reicht aber nicht aus. Wenn ich ein Bild davon bekommen will, warum sich bestimmte Dinge verändert haben, muss ich vor Ort sein.

Im März 2015 waren Sie in Merhabete. Wie sieht so eine Vor-Ort-Recherche aus?

Mein Kollege Tsegazeab Kidanemariam und ich sind gemeinsam mit Tewelde Gebrekidan, einem Mitarbei­ter von Menschen für Menschen, etwa zwei Wochen durch das Projektgebiet gereist und haben systema­tisch Informationen gesammelt. In dieser Zeit haben wir Kleinbauern besucht, uns mit Frauengruppen unterhalten und Mitarbeiter von lokalen Verwaltungen in­terviewt. Diese verschiedenen Perspektiven sind wichtig, um ein umfassendes Bild entwerfen zu kön­nen. Bei den Gesprächen ist mir vor allem die Offen­heit der Menschen aufgefallen. Wir sprachen mit Bauern über Anbaumethoden oder neue Obst- und Gemüsesorten. Junge Frauen erklärten uns, warum sie Familienplanung für wichtig halten und warum sie heute eine medizinisch betreute Geburt einer Hausgeburt vorziehen. Viele bezogen sich direkt auf die Projektarbeit von Menschen für Menschen. Wir hatten den Eindruck, dass die Menschen wirklich gut über die Projekte der Stiftung und die Vorteile, die sie mit sich bringen, informiert sind.

Gemeinsame Projekte

Der Weg von Merhabetes Hauptstadt Alem Katema nach Zoma hinunter ist trotz der Zoma-Treppe weiterhin beschwerlich.

Welche Vorteile sind das denn?

Die Arbeit von Menschen für Menschen zeichnet sich ja dadurch aus, dass sie in verschiedenen Bereichen Impulse für Veränderungen gibt: Die zentralen Säulen sind Landwirtschaft, Gesundheit, Wasser und Hygiene, Bildung sowie die Verbesserung der Einkommen der Menschen. Ich muss zugeben, dass ich zunächst ein wenig skeptisch war, ob es möglich ist, an so vielen Fronten gleichzeitig tätig zu sein. Die Ergebnisse zeigen aber, dass es gelingen kann. Die Erfolge in den einzelnen Bereichen hängen sogar voneinander ab und verstärken sich so gegenseitig.

Können Sie Beispiele nennen?

In Äthiopien ist die Mitarbeit der Kinder in Haushalt und Landwirtschaft weit verbreitet. Deswegen bleibt ihnen häufig wenig Zeit, zur Schule zu gehen. In Mer­habete konnten die Getreideerträge zwischen 2004 und 2014 um 150 Prozent gesteigert werden, zudem wurden viele Brunnen gebaut. Das brachte nicht nur Ernährungssicherheit und sauberes Trinkwasser un­weit der Häuser, sondern war auch die Voraussetzung dafür, dass die Kinder weniger Arbeit aufgebürdet bekamen und plötzlich mehr Zeit hatten, sich ihrer Ausbildung zu widmen.

An dieser Stelle kommen die Schulen ins Spiel, die Menschen für Menschen gebaut hat. Sie sind modern und intakt, was wiederum attraktiv für fähige Lehrkräfte ist. Die Zahl der Schüler und die Qualität des Unterrichts steigen, die Zahl der Schulabbrecher sinkt. Mehr junge Menschen, vor allem aber: mehr junge Frauen erreichen einen Schulabschluss, machen vielleicht eine Ausbildung oder studieren sogar. Dadurch nehmen die frühen Heiraten ab. Frauen bekommen im Durchschnitt später und weniger Kinder, was die Rolle der Frau insgesamt verändert. In Gesprächen, die wir geführt haben, wurde deutlich, dass die gesellschaftliche Akzeptanz von Eheschließungen im Kinder- und Jugendalter gesunken ist. Ein ganzes Wertesystem hat sich verändert. Viele Indikatoren deuten darauf hin, dass Menschen für Menschen in Merhabete einen komplexen Modernisierungsprozess in Gang gesetzt hat.

Mango

Die Mango ist in Merhabete zum Verkaufsschlager geworden.

Bessere Anbaumethoden, Brunnen, bessere Schulen – und schon entwickelt sich eine Region: Ist es wirklich so einfach?

Nein, auch die Planung ist entscheidend. Am Anfang eines Projekts braucht es eine detaillierte Bedarfsanalyse: Wo genau liegen die Probleme der Men­schen? Fehlt es an Gesundheitsposten? Welche Gemüse- oder Obstsorten kann man anbauen? Erst wenn klar ist, was die Bewohner notwendig brauchen und sich wünschen und wo die Potenziale einer Re­gion liegen, kann man ein Projekt so gestalten, dass es nachhaltig wirkt. In Merhabete hat unter anderem die Mango das Leben vieler Bauern verändert. Bevor Menschen für Menschen die Frucht in die Region brachte, kannte sie dort niemand. Jetzt ist sie ein Verkaufsschlager auf den lokalen und regionalen Märkten. Hier wurde ein Impuls gegeben, die Verän­derung passierte dann ganz von selbst.

In Ihrem Bericht haben Sie dokumentiert, dass viele Entwicklungen nach dem Ende der Projek­tarbeit 2009 richtig in Gang kamen. Wie erreicht man diese Nachhaltigkeit?

Man kann natürlich nicht einfach in eine Region spa­zieren, einen Brunnen bohren, Felder terrassieren, einen Landstrich aufforsten und wieder gehen. Soll der Erfolg langfristig gesichert sein, braucht es je­manden, der Verantwortung für den Erhalt dieser quasi-öffentlichen Güter übernimmt. Dafür müssen Sie die Menschen mit ins Boot holen – die künftigen Nutznießer, aber auch die lokalen Behörden. Nehmen Sie nur mal die Aufforstungszonen, also jene Gebiete, auf denen kein Vieh weiden darf, damit wieder Gräser, Büsche und Bäume wachsen können. Solange diese Gebiete karg und ohne Bewuchs sind, gibt es keine Probleme. Aber wenn die Vegetation wiederkommt, entsteht ein Stück Land mit wertvollen Ressourcen, die vorher nicht da waren. Wie geht man damit um? Wer darf sie nutzen? Nur wenn es anerkannte Gre­mien gibt, die dafür faire Regeln aufstellen und durch­setzen, lassen sich Konflikte vermeiden. In Merhabete ist das offenbar an vielen Stellen gelungen. 2004 gab es hier rund 12.000 Hektar Aufforstungszonen, 2014 waren es schon mehr als 24.000 Hektar.

Was für Gremien werden da geschaffen?

In erster Linie handelt es sich um die Gruppen von Dorfbewohnern, die sich an einem Projekt beteiligt haben. Zum Beispiel Bauern, die gemeinsam Bäume in einer Aufforstungszone gepflanzt haben. Oder Dorfbewohner, die einen Brunnen betreuen. Sie müssen nicht nur wissen, wie man Ersatzteile bestellt und eine Pumpe repariert. Sie müssen regelrechte Managementpläne aufstellen, um die Verwaltung des Brunnens langfristig sicherzustellen. Und sie müssen Lösungen finden, wenn neugegründete Familien oder Zuzügler, die sich bislang nicht an der Arbeit beteiligt haben, den Brunnen ebenfalls nutzen wollen. Im Kern geht es darum, Verteilungskonflikte demokra­tisch und fair zu lösen. Das ist nicht einfach.

Und in Merhabete ist das Ihrer Meinung nach gelungen?

Jedenfalls in vielen Fällen. Ein weiteres Beispiel dafür sind die vielen Terrassierungen der Hänge in der Re­gion. In den Berichten von früher ist davon keine Rede, dort liest man nur von einer rasant fortschreitenden Erosion des Bodens. Heute hingegen prägen die Terrassierungen das Landschaftsbild in Merha­bete. Die Menschen haben offensichtlich erkannt, dass diese Konstruktionen sinnvoll sind. Sie haben Pläne entwickelt, um die vorhandenen Terrassen zu pflegen und neue zu bauen. Hier ist also ein Punkt erreicht, an dem es die Unterstützung von Menschen für Menschen ganz offensichtlich nicht mehr braucht. Das ist schon beeindruckend.

Dr. Jochen Currle im Gespräch

Dr. Jochen Currle reiste zwei Wochen mit Mitarbeitern von Menschen für Menschen um systematisch Informationen zu sammeln.

Dr. Jochen Currle

Zur Person

Dr. Jochen Currle ist Agrarwissenschaftler und für das Beratungsbüro FAKT in Stuttgart tätig. Es berät unter an­derem öffentliche Stellen und vor allem internationale Entwicklungshilfeorganisationen in Fragen der landwirtschaft­lichen Entwicklung. Für Menschen für Menschen hat das Büro FAKT die Ex-Post-Evaluation in Merhabete und ande­ren Projektregionen vorgenommen.

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