Wasser für die Kinder von Arekit

Wasser für die Kinder von Arekit

In der Kleinstadt Arekit mussten Familien bislang an manchen Tagen mit ein paar  Litern Wasser am Tag auskommen. Viele Kinder verbrachten jeden Tag mehrere Stunden damit, verschmutztes Wasser aus weit entfernten Quellen nach Hause zu tragen. Vor allem Kleinkinder wurden krank. Menschen für Menschen hat nun eine effiziente Wasserversorgung errichtet.

Zehn Kilogramm sind eine sehr schwere Last für schmächtige Zehnjährige. Als Redakteure des NAGAYA MAGAZIN die Stadt Arekit unlängst besuchten, schleppten Temesgene und Melkamu Kanister mit Wasser auf der Schulter, insgesamt eineinhalb Kilometer weit den Steilhang hinauf. Meist sind ältere Mädchen fürs Wasserholen zuständig, aber die beiden Jungs haben keine großen Schwestern. „Zeit zum Spielen haben wir nur einmal am Tag – in der großen Pause in der Schule“, sagte Melkamu.

Sobald die Jungs vom Unterricht nach Hause kamen, mussten sie los: Wasser schleppen. „Manchmal weigern wir uns“, sagte Temesgene. „Aber dann sagen unsere Mütter, wenn es kein Wasser im Haus gibt, werden wir alle fürchterlichen Durst bekommen. Also gehorchen wir.“

Wasserversorgung in Arekit

Melkamu (zweiter von links) mit seiner Mutter Genet und Geschwistern.

Wasserversorgung in Arekit

Bislang gab es nur eine Entnahmestelle in der Stadt – davor bildeten sich lange Warteschlangen.

Arekit ist eine Kleinstadt mit 3.500 Einwohnern auf 2.911 Metern Höhe. Busse, die auf der staubigen Piste das Stadtzentrum erreichen, hatten  bisher  gewöhnlich  neben  ein  paar Koffern und Pappkartons viele Kanister aufs Dach gebunden: Reisende nach Arekit brachten Wasser mit. Kleinstädte im ländlichen Äthiopien haben häufig kaum Budget für öffentliche Investitionen; zwar hat die Stadtverwaltung in Arekit Mitte der Neunziger Jahre eine Versorgung mit drei Entnahmestellen errichten lassen, doch zwei davon funktionierten aufgrund des geringen Wasserdrucks im Reservoir schon lange nicht mehr. Nur noch an einer Entnahmestelle kam Wasser aus den Hähnen. Sie vermochte aber aufgrund der schwachen Quellschüttung pro Tag nur 29 Kubikmeter Trinkwasser zu liefern und war nur wenige Stunden am Tag geöffnet. Dutzende Menschen reihten ihre Kanister zu langen Warteschlangen.

ANGST VOR HYÄNEN

Deshalb gingen Melkamu, Temesgene und die meisten anderen Einwohner von Arekit die Steilhänge hinunter, wo kleine Rinnsale aus dem Gestein sprudeln. Diese sind nicht durch Quellfassungen geschützt. Auch Vieh trinkt aus den Rinnsalen. Und auch dort mussten die Menschen besonders in der Trockenzeit warten, bis sie an der Reihe waren, um ihre Kanister mit aufgeschnittenen Plastikflaschen voll zu schöpfen.

Manchmal  wurde  es  über  dem  Warten Nacht. Auf dem Rückweg hinauf zur Stadt fürchteten sich Kinder und Frauen vor den Hyänen,  die  in  der  Dunkelheit  mutig  werden. „Schon mehrmals kam es in unserer Gegend zu Angriffen mit Todesopfern“, sagt Bürgermeister Asefa Menjeta.

Wäschewaschen

Wer den Weg die Hänge hinunter vermeiden wollte, ging zum Arekit-See. In einer weiten Mulde auf der Hochfläche hat sich ein flaches, stehendes Gewässer gebildet, so groß wie zehn Fußballfelder. Dort wuschen die Frauen Kleider – und holten das schlammige Nass bislang auch zum Kochen und Trinken. „80 Prozent der Todesfälle hängen mit schmutzigem Wasser zusammen“, sagt der Bürgermeister. Die häufigsten Krankheiten in der Stadt laut den Statistiken der Gesundheitsstation seien Diarrhö,  Darmparasiten und Typhus. Vor allem die Kinder sind betroffen.

„Wir waschen unsere Kleider immer am Ufer des Arekit-Sees, und in der Trockenzeit schöpften wir hier bislang auch Wasser zum Kochen und Trinken. Es schmeckt fürchterlich modrig. In meiner Familie kochen wir das Wasser ab. Aber die Kinder sind manchmal so durstig, dass sie heimlich auch unbehandeltes Wasser trinken.“

Tegist Bekele, 22, Einwohnerin von Arekit

LANGLEBIGE INVESTITION

Das alles ist nun vorbei. Nachdem die Einwohner sich mehrmals an Menschen für Menschen gewandt hatten, beauftragte die Äthiopienhilfe ein Ingenieurbüro, einen Plan auszuarbeiten. Im Tal des Woire-Flüsschens wurde ein Tiefbrunnen gebohrt und ein Generatorhaus errichtet. Der neue Brunnen soll schon im Juni 2014 mindestens 1.000 Kubikmeter Wasser pro Tag liefern. Vom Brunnen wird das Wasser über eine Leitung sechs Kilometer weit in das neue Reservoir auf einer Anhöhe über der Stadt gepumpt. Per Schwerkraft fließt es von dort in sieben neue öffentliche Entnahmestellen.

Sämtliche Gräben für die Wasserleitungen zogen  die  Einwohner  mit  Schaufeln  und Hacken in schwerer Handarbeit – das  Engagement der Bevölkerung war für die Äthiopienhilfe  Voraussetzung  für  ihr  Projekt.  Da  in Äthiopien keine Produkte erhältlich sind, die einem hohen Qualitätsstandard entsprechen, wurden Rohrleitungen, die Pumpe und der Generator aus Europa eingeführt. So wird die Langlebigkeit der geschaffenen  Infrastruktur gewährleistet, um 3.500 Menschen in Arekit über Jahrzehnte mit sauberem Trinkwasser zu versorgen. Insgesamt diene die Infrastruktur aber  weit  mehr  Menschen,  nämlich  rund 12.000, betont Bürgermeister Asefa Menjeta: Arekit ist Marktort und Schulstadt, die Bauern und Schüler, die aus den Weiten der Hochebene in die Stadt kommen, können sich ebenfalls an  den  Zapfstellen  versorgen.  Der  Erhalt der Infrastruktur wird durch gemeindeorganisierte Wasserkomitees garantiert: Diese sorgen dafür, dass die Haushalte kleine Gebühren entrichten, mit deren Hilfe die Anlage instandgehalten wird.

Quellfassung

Temesgene und Melkamu posieren an den neuen Wasserentnahmestellen, die kurz vor der Fertigstellung stehen.

WASCHEN IST KAUM MÖGLICH

Wasserreservoir

Vom neuen Reservoir fließt das Trinkwasser zu den Entnahmestellen.

Beim Besuch in der Stadt begleiteten wir den jungen Wasserträger Melkamu nach Hause. Der Junge setzte sich vor der Tür zu seiner Mutter Genet, die das Haar der eineinhalb Jahre alten Mulut nach Ungeziefer absuchte. „Wir sind sechs Menschen in der Familie und müssen manchmal mit lediglich fünf Litern Wasser pro Tag auskommen“, sagte Genet Hussein. In Deutschland  verbraucht  jeder  Einwohner  in  seiner Wohnung im Durchschnitt 121 Liter pro Tag. „Manchmal reicht es gerade so zum Trinken, aber waschen kann ich die Kinder höchstens alle zwei Wochen“, klagte die Mutter.

Vier Kinder hat sie noch, ihr Sohn Seifedin ist tot. Seifedin starb, als er etwa im gleichen Alter wie die kleine Mulut war. „Er hatte viele Wochen lang Durchfall“, sagte Genet Hussein. Zur Gesundheitsstation ging sie nicht. „Wir müssen für die Medizin bezahlen, und wir hatten kein Geld.“ Inzwischen sei sie klüger, sagte sie. „Wenn die Kinder jetzt krank werden, gehe ich zur Station, auch wenn ich deshalb Schulden machen muss.“

Es ist wahrscheinlich, dass Seifedin noch am Leben wäre, wenn die Familie ausreichend sauberes Wasser zur Verfügung gehabt hätte. „Ich gebe mir die Schuld an seinem Tod“, sagte Genet Hussein. „Das macht mir schwer zu schaffen.“ Die  kleine  Mulut  erhob  sich  von  ihrem Schoß, ging ein paar tapsende Schritte zu ihrem großen Bruder Melkamu und küsste ihn sachte auf den Mund.

Wasserversorgung von Arekit

Genet Hussein mit ihrem kleinen Sohn Mulmt und seinem großen Bruder Melkamu.

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