Mekka Deresse, 18. Sie ist im 1. Monat schwanger.

Neues Leben sichern, neues Denken fördern

Die Zukunft Äthiopiens hängt auch davon ab, ob das Land sein Bevölkerungswachstum bremsen kann. Zentral dafür sind umfangreiche Angebote zum Thema Familienplanung sowie eine zuverlässige Betreuung von Schwangeren und Müttern mit Neugeborenen. Menschen für Menschen unterstützt staatliche Gesundheitsstationen mit medizinischem Gerät, Medikamenten und Schulungen. Mitarbeiter der Stiftung leisten Hausbesuche bei Familien. Ziel der Anstrengungen: alte Tabus aufbrechen. Ein Besuch im Dorf Galemot.

Medina Ahmed hat auf einem abgewetzten Stuhl im Behandlungszimmer Platz genommen. Die 18-Jährige flüstert mehr, als dass sie spricht, doch die Geschichte, die sie erzählt, zeugt weniger von Schüchternheit, als von sehr viel Mut. Ein paar Wochen noch, dann wird sie in einen Bus steigen und über staubige Pisten nach Addis Abeba fahren. Von dort geht es weiter per Flieger, Destination: Dubai. Dort will Medina zwei Jahre als Haushälterin arbeiten. Ein Monatsgehalt von 2.000 Birr, ungefähr 60 Euro, hat man ihr versprochen. Unterkunft und Verpflegung sind gratis, also wird sie, so ihre Hoffnung, das Geld nach Hause schicken können. „Damit können mein Mann und ich uns ein kleines Haus bauen“, sagt Medina.

Mastebal Alebachew hört Medina aufmerksam zu. Die Krankenschwester hat schon viele solcher Geschichten gehört. Jahr für Jahr reisen mehr als 100.000 Äthiopierinnen in arabische Länder, um als Haushälterinnen zu arbeiten. Doch der Plan, an ein wenig Geld zu kommen, wird für viele zum Albtraum. Von Arbeitgebern ausgebeutet, misshandelt oder vergewaltigt, kehren sie traumatisiert zurück. Medina sagt: „Ich muss das Risiko eingehen. Wir haben keine andere Wahl.“ Sie bittet Mastebal nun um ein Hormonstäbchen, einen schmalen Stift, der an der Innenseite des Oberarms unter die Haut geschoben wird und drei Jahre lang als Verhütungsmittel wirkt. Medina wird erst Kinder bekommen können, wenn sie wieder zu Hause ist.

Krankenschwester Mastebal Alebachew mit Patientin Medina Ahmed

„Bis vor ein paar Jahren brachten die Frauen aus den Dörfern ihre Kinder zu Hause zur Welt. Jede kleine Komplikation drohte zu einer ernsten Gefahr für Mutter und Kind zu werden.“ MASTEBAL ALEBACHEW, KRANKENSCHWESTER IN DER GESUNDHEITSSTATION VON GALEMOT

Die Gesundheitsstation von Galemot in der Projektregion Borena besteht aus vier einfachen grauen Bungalows. Die äthiopische Regierung hat sie vor etwa sechs Jahren am Dorfrand errichtet, um die wachsende Bevölkerung rund um die Bezirkshauptstadt Mekane Selam besser medizinisch zu versorgen. Doch es mangelt den Mitarbeitern an medizinischem Gerät, Medikamenten und zum Teil auch Knowhow. Deshalb unterstützt die Stiftung Menschen für Menschen sie mit Material, Fortbildungen und Fachkräften. Ein Schwerpunkt der Hilfe stellen die Angebote rund um Verhütung und Geburt dar. „Bis vor ein paar Jahren brachten die Frauen aus den Dörfern ihre Kinder zu Hause zur Welt“, sagt Mastebal Alebachew. „Jede kleine Komplikation drohte zu einer ernsten Gefahr für Mutter und Kind zu werden.“

Doch mittlerweile haben sich die Vorteile der Hilfsangebote herumgesprochen, und die Menschen suchen Hilfe in der Station. Junge Paare, die eine Familie planvoll gründen wollen, informieren sich über Verhütungsmethoden wie die Dreimonatsspritze oder Hormon stäbchen. Schwangere lassen sich untersuchen und bringen ihre Kinder in der Gesundheitsstation zur Welt. Ein bis zwei Kinder pro Tag werden mittlerweile hier geboren. Menschen für Menschen fördert die Arbeit der Station mit medizinischem Gerät, Impfstoffen und Medikamenten. Mitarbeiter der Stiftung schulen das Personal der Station und betreuen Mütter und Babys, damit Probleme frühzeitig erkannt werden können.

Im Behandlungsraum nebenan hat Mekka Deresse, die im dritten Monat schwanger ist, Platz genommen. Die 18-Jährige ist bereits zum zweiten Mal hier. Ein Mitarbeiter der Gesundheitsstation stellt ihr eine Reihe von Routinefragen und notiert die Antworten auf einem Aktenblatt. Er misst Mekkas Größe, ihr Gewicht und ihren Blutdruck. Dann folgen eine Tetanus-Impfung, ein HIV-Schnelltest. Abschließend nimmt er ihr ein wenig Blut für weitere Untersuchungen ab.

Mekka Deresse und ihr Mann Said Eshete

Nach anfänglichem Zögern sind Mekka Deresse (18) und ihr Mann Said Eshete (22) froh, dass Mekkas Schwangerschaft in der Gesundheitsstation begleitet wird.

Familienplanung für eine bessere Zukunft

Eine kleine Ampulle in der Hand marschiert Mekka wenig später Richtung Labor, wo ihr Blut auf Syphilis untersucht wird. Während Mekka und ihr Mann Said Eshete, 22, auf das Ergebnis warten, erzählen sie von ihrem Wunsch, eine Familie zu gründen. „Zunächst hatten wir verhütet“, sagt Mekka. „Aber nach einem halben Jahr wünschten wir uns ein Kind.“ Als ihre Menstruation ausblieb, riet die Familie dem jungen Paar zum Besuch in der Gesundheitsstation. „Wir haben gezögert, doch jetzt sind wir froh, dass wir hier sind“, sagt Said.

Es ist kompliziert, mit jungen Paaren in Äthiopien über Verhütung oder Geburtenplanung zu sprechen. Sexualität ist insbesondere auf dem Land stark tabuisiert. Die Folge ist ein weitverbreitetes Unwissen über die biologischen Prozesse rund um die Fortpflanzung, was eine effektive Familienplanung erschwert. Die Zahl der Kinder, die äthiopische Frauen im Durchschnitt zur Welt bringen, lag 2017 bei 4,99. Ein Fortschritt: 1981, im Gründungsjahr von Menschen für Menschen, lag die Geburtenrate noch bei etwa 7 Kindern pro Frau. Zum Vergleich: In Deutschland wurden 2017 durchschnittlich 1,45 Kinder pro Frau geboren.*

Der Mangel an Aufklärung hat auch zur Folge, dass viele Schwangere schwere körperliche Arbeit leisten und sich einseitig ernähren, was die Frauen und ihre ungeborenen Kinder gefährdet. Zwar ist die Säuglingssterblichkeit ebenfalls stark rückläufig – 1981 starben in Äthiopien etwa 140 von 1.000 Neugeborenen im Laufe ihres ersten Lebensjahres, 2017 waren es noch 49,6. In Deutschland lag die Rate im Jahr 2017 bei 3,4.* Vor allem in den ländlichen Regionen Äthiopiens sind Schwangere und Neugeborene aber noch immer gefährdet.

Patentin Medina Ahmed

Patentin Medina Ahmed in der Gesundheitsstation in Galemot.

Um die Situation zu verbessern, bieten Mastebal Alebachew und die anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gesundheitsstation von Galemot umfangreiche Hilfen an. Sie verteilen Verhütungsmittel, wie die Dreimonatsspritze oder Hormonstäbchen, und beraten und betreuen Schwangere, junge Mütter und Neugeborene. Maßnahmen, die darauf abzielen, einen neuen Umgang mit dem Thema zu etablieren: Offenheit vorzuleben und Wissen zu vermitteln, wo Tabus und Aberglauben herrschen. Oder, wo die Religion als Legitimation für den Kinderreichtum herhalten muss.

Hausbesuche bei Müttern mit Neugeborenen

„Es gibt Leute, die sagen, dass Gott sich so viele Kinder wie möglich wünscht“, sagt Bitika Ali, 30. „Aber ein Kind in die Welt zu setzen, ist ja nur der Anfang. Man muss es auch ernähren und zur Schule schicken können, um ihm Chancen zu eröffnen.“ Bitika ist heute in die Gesundheitsstation gekommen, um sich ein Hormonstäbchen einsetzen zu lassen. Seit der Geburt ihres dritten Kindes hat sie mit der Dreimonatsspritze verhütet, aber jetzt möchten sie und ihr Mann langfristig planen – ohne weitere Kinder. Dass sie sich damit über Traditionen hinwegsetzt, ist ihr egal. „Kinder nicht richtig zu versorgen, ist eine Sünde. Das sage ich auch den Frauen in meinem Dorf.”

Am späten Nachmittag, wenn die letzte Patientin gegangen ist, schließt die Gesundheitsstation ihre Türen. Jetzt beginnt die Arbeit von Meaza Teshome. Die Mitarbeiterin von Menschen für Menschen begleitet die Frauen im Dorf – von der Schwangerschaft bis zum 45. Tag nach der Geburt des Kindes. Heute klopft sie an die Tür der Hütte, in der Itu Abebe, 32, mit ihrem Mann und ihren nun vier Kindern lebt. Nach einiger Zeit öffnet eine alte Frau, eine Nachbarin.

Meaza Teshome, Sozialarbeiterin von Menschen für Menschen

Gesundheitswächterin: Die Sozialarbeiterin Meaza Teshome besucht Mütter mit Neugeborenen bis zum 45. Tag nach der Geburt. Sie erkennt Komplikationen und organisiert, wenn nötig, Hilfe.

Wortlos führt sie Meaza an ein von großen Tüchern verhangenes Bett und schiebt den Stoff zur Seite. Auf dem Bett liegt Itu, das Baby im Arm. Der Junge, Mohammed, wurde vor 24 Tagen in der Gesundheitsstation geboren. Ihre ersten beiden Kinder, erzählt Itu, kamen vor 17 beziehungsweise 13 Jahren zur Welt, beide als Hausgeburten. „Bei meinem zweiten Kind litt ich unter extremen Blutungen nach der Geburt“, erzählt Itu Abebe. Sie hatte große Angst, denn sie weiß von den Müttern, die die Geburt ihres Kindes nicht überlebten. „Ich hatte wohl Glück“, sagt sie.

“Auf keinen Fall auf dem Feld arbeiten”

bei ihrem dritten Kind wollte sie nichts riskieren, und suchte die Gesundheitsstation auf, als sie im dritten Monat schwanger war. Meaza, die die Frauen im Dorf auch in Fragen rund um Hauswirtschaft und Hygiene berät, hatte ihr damals dazu geraten. Als die Wehen einsetzten, brachten einige Nachbarn sie auf einer Trage in die Station. „Ich kannte die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schon von meinen Besuchen und hatte keine Angst“, sagt Itu. „Im Gegenteil, ich habe mich sehr sicher gefühlt.“ So war es auch diesmal, als Mohammed zur Welt kam.

Sozialarbeiterin Meaza Teshome

Sozialarbeiterin Meaza Teshome besucht mehrere Mütter mit Neugeboreren und steht ihnen mit Rat und Tat zur Seite.

„Hast du Schmerzen oder irgendwelche anderen Beschwerden?“ fragt Meaza. „Nein, nichts“, antwortet Itu. „Ich bin nur etwas erschöpft.“ Meaza nimmt den kleinen Mohammed für einen Moment auf den Arm. „Ein hübscher Junge“, sagt sie. „Kannst du stillen?“ Itu nickt, Meaza legt das Kind zurück in den Arm der Mutter. „Ruh dich aus“, sagt Meaza. „Du darfst auf keinen Fall auf dem Feld arbeiten, hörst du? Itu nickt. Dann zieht die Nachbarin den Vorhang wieder zu. Meaza Teshome ist zufrieden. Sie macht sich ein paar Notizen über den Besuch und ihre Beobachtungen. „Nächste Woche komme ich wieder“, sagt sie. Dann verlässt sie die Hütte und macht sich auf den Weg. Sie möchte heute noch zwei weitere Mütter mit Neugeborenen besuchen. „Früher waren viele Frauen, die ein Kind bekommen haben, hier allein mit ihren Problemen“, sagt sie. „Wir sind hier, um das zu ändern.“

Mardia und ihr glückliches Leben

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