Mütter und Kinder schützen

Mütter und Kinder schützen

In Afrika sterben Frauen häufig an den Folgen von Schwangerschaften und Geburten. Diese Katastrophe für jede Familie wäre in den meisten Fällen vermeidbar. Menschen für Menschen setzt sich auf vielfältige Weise für den Schutz von Müttern und Kindern ein.

Beim Spielen auf der Straße erfuhr Obsa die Wahrheit. Die anderen Kinder sagten zu dem Vierjährigen: „Du hast gar keine Mutter mehr!“ Der Junge lief nach Hause und fragte: „Wer ist meine Mutter?“ Auf diese Frage war Kamaria Mahamut nicht gefasst. „Ich brach in Tränen aus“, erzählt sie.

Kamaria ist 35 Jahre alt. Obsa sagt „Mama“ zu ihr. Doch tatsächlich ist sie seine Großmutter. Kamarias Tochter Wordi war erst 13 Jahre alt, als sie Obsa zur Welt brachte. Wordi verblutete eine Stunde nach der Geburt. „Als meine Tochter tot vor mir lag, verlor ich fast das Bewusstsein“, sagt Kamaria. Der Schmerz und die Schuld waren unerträglich. „Ich hätte mich am liebsten selbst getötet.“ Doch da waren ihre beiden anderen Kinder, zwei Söhne, fünf und elf Jahre alt, um die sie sich kümmern musste.

Obsa mit seinen Großeltern

Obsa wächst bei seinen Großeltern auf. Seine Mutter starb bei der Geburt des Jungen.

Und da war Obsa, das neugeborene Baby, ihr erstes Enkelkind: Kamaria konnte sich nicht gehen lassen, sie kämpfte sich durch den Alltag, und sie brachte Obsa mit der Milch ihrer einzigen Kuh durch.

OPFER DES UNWISSENS

Obsa mit seinen Großeltern

Kamaria Mahamut, 35, und Abdellah Ibro, 50, ihr Ehemann mit ihrem Enkel Obsa.

 

Wordia war in der 4. Klasse, als sie sich an der Schule im Dorf Beleti in den 16 Jahre alten Umer verliebte. „Ich möchte heiraten“, überraschte sie ihre Eltern. Frühe Heiraten waren immer Tradition auf dem Land. Also willigten Kamaria und ihr Mann ein: Besser ihre Tochter heiratet, als dass sie ihre Unschuld vor der Ehe verliert und damit in den Augen des Dorfes die Familie entehrt. „Aber wer hätte denn gedacht, dass Wordia ein Jahr später tot ist?“, sagt Kamaria. „Wir waren unwissend; unsere Tochter ist ein Opfer dieses Unwissens geworden.“

Alle zwei Minuten stirbt auf unserer Welt eine Frau im Kindbett. 99 Prozent dieser Todesfälle gibt es in Entwicklungsländern, und dort vor allem in entlegenen Gebieten, wo die medizinische Versorgung besonders schlecht ist.

Aber auch schädliche Traditionen wie sehr frühe Heiraten tragen zu der schockierenden Müttersterblichkeit bei. Menschen für Menschen weist in Aufklärungsveranstaltungen in den Dörfern immer wieder darauf hin: Die Körper der Teenager sind noch nicht auf Geburten vorbereitet: 15-jährige Mädchen verlieren durch eine Entbindung fünf Mal häufiger ihr Leben als Frauen zwischen 20 und 30 Jahren.

Hinzu kommt, dass die Frauen in armen Ländern viele Kinder gebären – in Äthiopien im Durchschnitt fünf. Der harte Alltag und die vielen Schwangerschaften laugen die Frauen aus. So stirbt in Afrika südlich der Sahara eine von 38 Frauen an den Folgen einer Schwangerschaft oder einer Geburt. Abgesehen von der Trauer und dem Schmerz, den die betroffenen Familien durchleiden, wird auch Armut zementiert: Halbwüchsige Töchter müssen den Platz der Mütter einnehmen, sich um jüngere Geschwister kümmern – und ihre Schulbildung aufgeben. In öffentlichen Versammlungen und bei Besuchen auf den Höfen der armen Bauernfamilien informieren die Entwicklungsexperten von Menschen für Menschen deshalb immer wieder über die Gefahren von Hausgeburten ohne professionelle Helfer. Gleichzeitig warnen sie vor den Folgen von Frühehen und damit vor frühen Schwangerschaften für die jungen Frauen. Die Äthiopienhilfe baut außerdem Gesundheitszentren auf, rüstet sie mit Gerät aus und unterstützt sie mit Medikamenten.

Hebamme Bantschi Jehune

In Fortbildungskursen von Menschen für Menschen konnte die Hebamme Bantschi Jehune ihre Kenntnisse vertiefen.

 

Im von der Stiftung errichteten Gesundheitszentrum von Beleti im seit 2007 bestehenden Projektgebiet Borecha haben zwei junge Hebammen ihre erste Stelle angetreten. Viel Erfahrung haben sie noch nicht. Trotzdem ist ihre Anwesenheit für die Frauen und Kinder von Beleti ein Segen. „Wir retten viele Menschenleben“, sagt Abainesch Seyume, 26.

In Fortbildungskursen von Menschen für Menschen haben sie und ihre 23-jährige Kollegin Bantschi Jehune ihre Kenntnisse vertieft. „Vor allem haben wir gelernt, Risiken einzuschätzen und entsprechend zu reagieren“, betont Bantschi. „Wenn sich beispielsweise bei der Geburt der Muttermund lange nicht öffnet, dann warten wir nicht, sondern entscheiden sofort, die Gebärende in die Stadt Bedele zu überführen.“

Früher mussten Angehörige die Patienten mit selbstgebauten Bahren zu Fuß nach Bedele tragen. Für die 70 Kilometer brauchten sie rund 18 Stunden. Oft kam dann jede Hilfe für die Mutter und ihr ungeborenes Baby zu spät. Heute bringt in Notfällen ein von Menschen für Menschen gestifteter Kranken-Geländewagen die Patienten in zweieinhalb Stunden zu den Ärzten im Hospital.“

ENAT-HOSPITAL RETTET LEBEN

In der Kleinstadt Alem Ketema liegt das Enat- Hospital, das von der Äthiopienhilfe gebaut und ausgestattet wurde. Im Frühjahr dieses Jahres wurde es von der Regierung als eines der besten Krankenhäuser im ganzen Land ausgezeichnet. Chefarzt Dr. Ayele Teshome, 34, führt hier sogar Tumor-Operationen durch. Doch im Alltag ist der Gynäkologe vor allem durch Patientinnen gefordert, die mit schweren Geburtskomplikationen eingeliefert werden. „Allein in der vergangenen Woche haben wir sechs Frauen das Leben gerettet“, sagt Dr. Ayele. Auch Beletu Abi, 37, wäre ohne Dr. Ayele wohl dem Tod geweiht gewesen. Zwei Stunden lang trugen Verwandte sie aus dem Tiefland hinauf zum Krankenhaus in Alem Ketema auf der Hochebene: „Ich war so schwach, ich habe viel Blut verloren“, erzählt sie. Die letzten fünf Wochen ihrer Schwangerschaft verbringt sie nun unter Dr. Ayeles Obhut, bis der Arzt ihr Kind per Kaiserschnitt zur Welt bringen kann. „Die Plazenta liegt so, dass sie bei Einsetzen der Wehen unweigerlich reißen und die Patientin verbluten würde“, erklärt Dr. Ayele.

Kinderarzt Dr. Ayele
Hütten von Beleti
Beletu Abi erwartet ihr siebtes Kind

Dr. Ayele ist Kinderarzt an einem der besten Krankenhäuser im Land. Es wurde von der Äthiopienhilfe gebaut.

 

Bislang brachten die Frauen ihre Kinder in den Hütten von Beleti ohne medizinische Hilfe zur Welt.

 

Beletu Abi, 37, erwartet ihr siebtes Kind. Ohne Kaiserschnitt würde sie die Geburt nicht überleben.

 

ZUKUNFT MIT FAMILIENPLANUNG

Die ersten sechs Kinder brachte Beletu ganz allein in ihrer Hütte zur Welt. Sie deutet auf ihren Bauch und sagt leise: „Dieses ist das letzte, das ich bekommen werde.“ Sie will künftig an dem von Menschen für Menschen initiierten und seit einigen Jahren vom öffentlichen Gesundheitssystem weitergeführten Familienplanungsprogramm teilnehmen und sich ein Verhütungsstäbchen unter die Haut des Oberarms applizieren lassen, das durch Hormonabgabe drei Jahre lang einer Schwangerschaft vorbeugt.

Ein Zimmer weiter streichelt Mekdes Biru das Gesichtchen ihrer erstgeborenen Tochter. Am Vorabend brachte sie das Mädchen zur Welt, ganz ohne Komplikationen. Mekdes lebt mit ihrem Mann in der Hauptstadt Addis Abeba. Aber für die Geburt kam sie extra in ihre entlegene Heimatstadt zurück: „Ich wollte unbesorgt sein, und dieses Krankenhaus ist das beste.“ Leider bekam ihr Mann keinen Urlaub. Aber sie konnte ihn telefonisch erreichen und berichten, dass alles gut gegangen sei. „Er war so aufgeregt und glücklich“, sagt Mekdes und betrachtet ihre Tochter mit langen Blicken: ein kleines Wunder, an dem sie sich nicht satt – sehen kann.

„Bislang bekamen die Frauen ihre Kinder zu Hause. Ich aber wollte sicher gehen, dass meiner Tochter und mir nichts passiert. Deshalb habe ich sie im Gesundheitszentrum zur Welt gebracht.“
Saada Mulugeta, 20, aus dem Dorf Beleti mit Fordos
Saada Mulugeta mit ihrer Tochter Fordos

Saada Mulugeta mit ihrer Tochter Fordos. Die 20-Jährige hat am Health Center in Beleti vor drei Monaten zum ersten Mal entbunden.

Mardia und ihr glückliches Leben

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Mit 50 Euro

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