Handwerksschule

Werkstätten der Zukunft

Rund 70 Prozent der Äthiopierinnen und Äthiopier sind jünger als 30 Jahre. Auf ihren Schultern ruhen daher viele Hoffnungen für eine bessere Zukunft des Landes. Damit die jungen Frauen und Männer greifbare berufliche Perspektiven erhalten, fördert Menschen für Menschen moderne fachliche Ausbildungsstätten. In Adi Gudom, im Norden Äthiopiens, zum Beispiel. Oder in Sheno nahe Addis Abeba. Ein Jahr nach ihrer Fertigstellung ziehen die Handwerksschulen eine erste Bilanz.

Wenn Yordanos Tirumay morgens aufwacht, wandert ihr Blick durch die dunkle Kammer, die seit einem Jahr ihr Zuhause ist: An der Wand entlang, vorbei an einem ausgeblichenen Beyoncé-Poster und einer Marien-Ikone, dann hinüber zu der Waschschüssel, die neben der wackeligen Holztür auf einem Tischchen steht. Das war‘s. Zwei Quadratmeter, eine nackte Glühbirne an der Decke, kein Fenster. Diesen Verschlag teilt sich die 18-jährige Yordanos mit der 19-jährigen Awet Hagezom. Und beide teilen sich nachts eine schmale Pritsche.

Man möchte Mitleid mit den Mädchen haben, die so beengt leben müssen, doch die beiden plaudern und lachen, als sie wenig später – in blauen Overalls – die Tür öffnen, auf die staubige Straße treten und sich zu ihrer Schule aufmachen. Seit einem Jahr absolvieren Yordanos und Awet eine Schlosserausbildung im Zentrum für „Technical and

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In Adi Gudom wie auch an den anderen von Menschen für Menschen ausgestatteten TVETs ist der Frauenanteil hoch.

Vocational Education and Training“ (TVET), einer handwerklich-technischen Berufsschule in der nordäthiopischen Kleinstadt Adi Gudom. Drei Jahre noch, dann haben sie ihren Abschluss in der Tasche. Für die Töchter armer Kleinbauern ginge damit ein Traum in Erfüllung. „Von der Familie getrennt zu leben, ist nicht leicht für uns“, sagt Yordanos. „Aber das nehmen wir auf uns, denn diese Ausbildung kann unser Leben verändern!“

DAS TVET SCHLIESST EINE LÜCKE, DIE NACHFRAGE IST GROSS

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Das TVET in Adi Gudom besuchen derzeit 351 Lerlinge.

Zehn Minuten später haben Yordanos und Awet das TVET erreicht. Ein Dutzend Flachbauten, verstreut auf einem kargen Gelände. Die Fassaden leuchten zitronengelb, Blechdächer funkeln in der Sonne. Dazwischen wachsen ein paar zarte Bäumchen, noch zu jung, um Schatten zu spenden. Sie sind, wie alles hier, kaum älter als ein Jahr: Das TVET wurde erst 2014 von Menschen für Menschen errichtet und mit den nötigen Maschinen ausgestattet. Seither werden hier junge Frauen und Männer in verschiedenen Lehrwerkstätten zu Tischlern, Automechanikern, Elektrikern, Schlossern und IT-Fachkräften ausgebildet. Die Ausbildungsprogramme dauern bis zu vier Jahre.

„Derzeit haben wir hier 351 Lehrlinge, künftig sollen es aber bis zu 500 sein“, sagt Biniam Welegebrial, 34, der Direktor der Schule. Die Nachfrage ist groß: Bisher gab es in dieser Gegend nur in Mekele, der Hauptstadt der Region Tigray, eine vergleichbare Ausbildungsstätte. „Mekele ist aber 30 Kilometer entfernt, die tägliche Busfahrt oder die Unterkünfte dort kann sich kaum jemand leisten“, so Biniam. Und selbst wenn: Die Schule in Mekele hat nicht Platz für alle jungen Leute in der Region, die eine Ausbildung machen wollen. Die Folge: Viele bleiben ohne berufliche Perspektive. Allein im Jahr 2015 hätten, so Rektor Biniam, in der Gemeinde Hentalo Wajerat, zu der Adi Gudom gehört, rund 3.000 Schülerinnen und Schüler die Klassenstufe 10 absolviert. „Aber nur

20 Prozent von ihnen konnten im Anschluss auf eine weiterführende Schule wechseln. Alle anderen müssen sehen, wo sie bleiben.“ Viele suchen ihr Glück in Addis Abeba. Um überleben zu können, müssen sie jeden Job annehmen. Eine Ausbildung oder ein Studium sind dann nicht mehr möglich. Manche wandern gar nach Saudi-Arabien aus, in der Hoffnung, dort ein wenig Wohlstand zu erlangen. „Die meisten kommen einige Jahre später völlig frustriert zurück, weil sie merken, dass ihnen keine Möglichkeit gegeben wird, sich beruflich zu entwickeln“, so Biniam. Für diese Rückkehrer und andere junge Leute, die keinen Ausbildungsplatz erhalten haben, hat das TVET in Adi Gudom ein eigenes Trainingsprogramm aufgesetzt: Es dauert wenige Wochen und bildet die Teilnehmer zu Hilfsarbeitern aus.

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Ausbilderin Lemlem Gebre-Tinsa erklärt in der Schlosserwerkstatt eine Maschine.

DIE FRAUEN BEHAUPTEN SICH SELBSTBEWUSST

Auch Yordanos Tirumay, die an diesem Vormittag an der Werkzeugfräse arbeitet, hätte ohne das neu gegründete TVET in Adi Gudom keine Chance auf einen Ausbildungsplatz gehabt. Sie ist in Korkora geboren, einem 2.000-Seelen-Dorf, etwa zehn Kilometer von Adi Gudom entfernt. Ihre Eltern bauen Weizen und Zwerghirse auf einem kleinen Stück Land an. Als ältestes

von sieben Kindern wäre es Yordanos‘ Aufgabe gewesen, im Haushalt und auf dem Feld zu helfen. Doch das Mädchen brachte schon immer gute Noten heim, und so erlaubten ihre Eltern ihr zunächst den Schulbesuch bis zur 10. Klasse – und dann den Schritt ins TVET. „Es war nicht leicht, sie davon zu überzeugen, dass ich Schlosserin werden will“, sagt Yordanos Tirumay. Technische Berufe sind in Äthiopien, mehr noch als in der westlichen Welt, eine Männerdomäne. Doch langsam wandeln sich die Rollenbilder.

Ein Vorbild fand Yordanos am TVET in Adi Gudom: Lemlem Gebre-Tinsa, 23 Jahre alt, ist gelernte Schlosserin. Als weibliche Ausbilderin in einem „Männerberuf“ ist sie eine Seltenheit, nicht nur in Adi Gudom. „Am Anfang waren die männlichen Schüler ein

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„Es war nicht leicht, sie davon zu überzeugen, dass ich Schlosserin werden will“, sagt TVET-Schülerin Yordanos Tirumay über ihre Eltern.

wenig skeptisch“, erzählt Lemlem und schmunzelt. „Aber solche Zweifel kenne ich ja schon lange. Auch meine Eltern dachten mal, ich würde mit der Ausbildung nur meine Zeit und ihr Geld verschwenden.“ Sich gegen die Widerstände der patriarchalen Gesellschaft durchzusetzen, sei nicht einfach. „Aber wenn wir für unsere Träume kämpfen und gute Arbeit leisten, werden wir akzeptiert“, ist Lemlem überzeugt. In der Schlosserwerkstatt von Adi Gudom wundert sich jedenfalls niemand mehr über die zierliche Lehrerin an den schweren Maschinen.

Berufliche Perspektiven für junge Menschen zu schaffen, ist ein entscheidender Baustein für ein zukunftsfähiges Äthiopien. Denn das Land erlebt derzeit vor allem in Städten, wo der wirtschaftliche Aufschwung spürbar ist, einen tiefgreifenden demografischen Wandel. Auch eine bessere medizinische Versorgung und mehr Bildung haben dazu beigetragen, dass die Geburtenrate im Land in den vergangenen 25 Jahren drastisch gesunken ist. Bekam eine Frau 1990 im Durchschnitt mehr als sieben Kinder, sind es 2014 nur noch etwa vier. Bis 2030 könnte die Zahl gar auf 2,6 Kinder pro Frau fallen. Die Folge ist eine Gesellschaft, deren Altersstruktur Chancen wie Risiken birgt. Ein großer Bevölkerungsanteil im arbeitsfähigen Alter, der nur wenige Kinder und Rentner mitversorgen muss, kann zum Wachstumsmotor einer ganzen Volkswirtschaft werden. Gelingt es jedoch nicht, diesen jungen Menschen Perspektiven zu bieten, locken Kriminalität und Drogen, drohen Radikalisierung und eine verschärfte Landflucht. Ein kollektives Scheitern einer solchen Menge junger Menschen könnte das ganze Land destabilisieren.

ÄTHIOPIEN MUSS IN DIE JUNGE GENERATION INVESTIEREN

Wie hoch die Jugendarbeitslosigkeit in Äthiopien derzeit ist, lässt sich nur schwer sagen. Auf dem Land soll sie gering sein, doch die große Mehrheit arbeitet hier unentgeltlich auf den Höfen der Eltern mit. In den Städten wird der Anteil der jungen Menschen ohne ausreichende Beschäftigung derweil auf mehr als 45 Prozent geschätzt. Ein Notstand, der sich nur beheben lässt, wenn die Wirtschaft des Landes radikal modernisiert wird. Entwicklungsexperten wie der nigerianische Wirtschaftswissenschaftler Professor Samuel Igbayato fordern deshalb – nicht nur für Äthiopien – mehr Ausbildungsplätze in

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Tadese Wolde Berhan (19), einer der Schüler am TVET im Adi Gudom.

technischen und kaufmännischen Berufen sowie mehr Unterstützung für Unternehmensgründungen, kurz: mehr Investitionen in die Jugend. Ihr Schicksal, so könnte man Igbayatos Analyse zusammenfassen, entscheidet über das Schicksal zahlreicher afrikanischer Länder.

„Der Weg von Ackerbau und Viehzucht hin zu Industrie und Dienstleistung ist steinig“, sagt Tadele Kebede 45, Direktor des TVET in Sheno. Hier, 80 Kilometer nordöstlich von Addis Abeba, hat Menschen für Menschen in den Jahren 2014 und 2015 eine völlig marode Ausbildungsstätte neu aufgebaut und die Werkstätten und Lehrräume eingerichtet. Mit dem Ergebnis, dass die Rate erfolgreicher Absolventinnen und Absolventen von 34 auf 90 Prozent angestiegen ist! „Das

Problem ist aber, dass längst nicht alle, die bei uns einen Abschluss machen, eine Anstellung finden“, so Kebede. Er ermutigt seine Schülerinnen und Schüler deshalb, sich selbstständig zu machen. „In einem wachsenden Industriemarkt finden auch kleine Handwerksbetriebe ihre Kunden.“ Ohne Unterstützung sei eine Firmengründung jedoch schwierig. Helfen soll ein staatliches Förderprogramm, das den Studierenden 80 Prozent der nötigen Mittel leiht. Auch Menschen für Menschen baut zurzeit ein Programm für Start-ups auf.

Yordanos Tirumay und Awet Hagezom, die beiden angehenden Schlosserinnen aus Adi Gudom, wollen sich ebenfalls eines Tages selbstständig machen. „Wir wollen Türen, Tore und Fenstergitter fertigen“, sagt Yordanos. Was es auf dem Markt gibt, sei oft ziemlich fantasielos, findet sie. „Unsere Produkte wären von höherer Qualität und sähen viel besser aus.“ Bis Yordanos und Awet ihre kleine Firma haben, werden noch ein paar Jahre vergehen. „Aber wir legen schon jetzt jeden Monat etwas für unseren Plan zurück.“

Mardia und ihr glückliches Leben

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