Bodensanierung der Schule

Bald ist die Zeit der Plagen zu Ende

Im Dorf Kelecha Jibat ist der Besuch der alten Schule die reinste Plage. Am Lehmboden der Schulhütten lauern Sandflöhe, die sich in die nackten Füße der Kinder bohren. Termiten fressen die Holzkonstruktionen an. Staub und Hitze setzen den Schülern zu. Das alles soll bald vorbei sein. Menschen für Menschen baut moderne Schulgebäude für die 1.500 Kinder im Dorf.

Jeden Freitag das gleiche Ritual im Dorf Kelecha Jibat: Schüler schwärmen in alle Richtungen aus, um auf Wegen und an Feldrainen Kuhfladen zu sammeln. Der Dung soll vor einem fürchterlichen Plagegeist schützen, der seine Opfer schier in den Wahnsinn treiben kann. Tunga penetrans, der gemeine Sandfloh, liebt den Staub trockener Lehmböden.

Hier wartet er auf seine Opfer, seien es Mäuse, Haustiere oder Menschen. Feuchte Böden, mit Dung vermischt, hasst der Blutsauger dagegen. Einige Mädchen mischen den Dung mit bloßen Händen mit Wasser an. Dann streichen sie die mörtelähnliche Masse mit ihren Handflächen sorgfältig überall am Boden ihres Klassenzimmers aus. In Kelecha Jibat wie auch in vielen anderen Schulen in Äthiopien sorgt der Sandfloh dafür, dass ein Mal pro Woche die Schule einen halben Tag ausfällt: Statt Mathe oder Biologie steht immer freitags Schädlingsbekämpfung auf dem Stundenplan.

Gegen die Sandflöhe: Die Jungs sammeln Kuhdung auf den Feldern.

Gegen die Sandflöhe: Die Jungs sammeln Kuhdung auf den Feldern.

FÜRCHTERLICHE BISSE

„Was für eine Vergeudung an Unterrichtszeit!“, sagt Direktor Zekios Dida, 26. Zumal viele Kinder trotzdem von dem Parasiten befallen werden. Der junge Direktor stammt aus dem Dorf, einst besuchte er selbst die Schule. „Es macht mich traurig und wütend, dass die Kinder heute immer noch mit den gleichen unhaltbaren Zuständen kämpfen wie ich damals“, sagt er ernst. „Oh ja, die Sandflöhe sind fürchterlich! Ihre Bisse jucken dermaßen, dass man nachts nicht mehr schlafen kann. Du glaubst, du wirst verrückt.“

Mit Vorliebe bohren sich Sandflöhe unter der Zehennägeln in die Haut der Kinder.

Mit Vorliebe bohren sich Sandflöhe unter der Zehennägeln in die Haut der Kinder.

Die Weibchen, einen halben bis einen Millimeter winzig, bohren sich mit Vorliebe an den Zehennägeln unter die Haut. Sie saugen Blut und können nach mehreren Tagen zu einer Kugel von zwei bis drei Millimetern Durchmesser anwachsen. Bevor das Tier festgebissen in der Haut nach etwa zwei Wochen stirbt, legt es Hunderte von Eiern, die auf den Untergrund fallen und sich innerhalb von drei Wochen über das Larven- und Puppenstadium zu neuen Flöhen entwickeln.

Medizinische Fachbücher empfehlen die chirurgische Entfernung des Flohs unter Lokalanästhesie. Doch im ländlichen Äthiopien gibt es diese Möglichkeit nicht.

„Nach einem Biss müssen die Kinder zwei bis drei Tage warten, bis der Sandfloh sich mit Blut vollgesogen hat“, erklärt Direktor Zekios. „Dann nimmt man eine Nadel und versucht, ihn zu entfernen.“ Natürlich gibt es bei dieser Methode Infektionen. „Manche Betroffenen können vor Schmerzen kaum gehen“, sagt der Direktor. Es gibt auch Fälle, in denen Füße durch nicht sachgerecht behandelte Infektionen auf Dauer geschädigt wurden. Feste Schuhe schützen vor dem Parasiten. Aber außer den Lehrern trägt niemand Socken und geschlossene Halbschuhe. Die Kinder haben billige Sandalen und Slippers aus Gummi und Plastik an den nackten Füßen, manche gehen auch barfuß.

Die Sandflöhe sind die schlimmste Plage, aber der Alltag hat noch weiteres Mühsal für Lehrer und Schüler parat. Direktor Zekios zeigt die von Termiten angefressene Holzkonstruktion der Schulbibliothek. „Wir können die Bibliothek nicht mehr benutzen“, sagt er: „Einsturzgefahr!“

Zwar entsendet der äthiopische Staat Lehrer bis in die entlegensten Winkel des Landes, wenn es in den Kommunen und Bezirken Unterrichtsräume gibt. In den armen Landstrichen gibt es aber nur ein winziges Steueraufkommen und kein Budget für solide Gebäude. Also bauen die Gemeinden zusammen mit den Eltern einfache Häuser mit Gerüsten aus Holzstangen und Ästen, über die mit Strohvermischter Lehm geworfen wird. Diese Verschläge halten aber kaum länger als ein Jahrzehnt.

marode Bausubstanz

Schulleiter Zekios zeigt die marode Bausubstanz: „Termiten fressen die Holzkonstruktion an.“ Die Klassenzimmer sind staubig, dunkel und viel zu klein für die zahlreichen Schüler.

Erst im vergangenen Jahr ist ein zum Glück bereits außer Dienst gestelltes, durch Termitenfraß morsches Gebäude mit vier Klassenräumen über Nacht eingestürzt. Damit ist die Raumnot der Schule noch größer. Die Hälfte der Schüler wird vormittags und die andere Hälfte nachmittags unterrichtet. Teils wird der Unterricht draußen, im Schatten von Bäumen abgehalten. Zwar hat eine amerikanische Hilfsorganisation vor einigen Jahren Schulbänke gestiftet, aber sie reichen nicht für alle Mädchen und Jungen in den großen Klassen mit mehr als 80 Kindern. Deshalb sitzen viele auf Steinen am Boden, die Hefte liegen auf den Beinen. Es gibt kaum Licht in den Schulhütten mit ihren kleinen Fenstern, dafür Hitze und Staub.

Altes Schulgebäude

Die alte Grundschule im Dorf Kelecha Jibat, wo Menschen für Menschen nun eine neue Schule baut.

VIELE SCHULABBRECHER

„Es ist sehr schwierig, unter diesen Bedingungen durchzuhalten“, sagt der Direktor. „Von Schuljahr zu Schuljahr sind weniger Kinder da.“ Die erste Klassenstufe an der Schule ist vierzügig, die zweite noch dreizügig. Aber ab der dritten Stufe gibt es nur noch zwei Parallelklassen. Im achten Schuljahr ist die Zahl der Schüler derart zusammengeschmolzen, dass es nur noch eine einzige Klasse gibt. Es gibt also eine immense Zahl an Schulabbrechern, denen ohne Abschluss nichts bleibt, als das Leben der Eltern zu führen: als mittellose Kleinbauern, die ihre Armut in die nächste Generation weitertragen.

Neue Schule

Die solidesten Gebäude weit und breit: Die neue Schule von Menschen für Menschen im Projektgebiet Borena.

GRIFF NACH DEN STERNEN

Deshalb will Menschen für Menschen nun Abhilfe schaffen. Das Dorf im Projektgebiet Dano wird vier solide und helle Schulgebäude mit insgesamt 16 Klassenzimmern erhalten. „Damit haben wir endlich genug Räume – mehr als 50 Kinder pro Klasse wird es nicht mehr geben“, freut sich Schulleiter Zekios. Außerdem baut die Äthiopienhilfe Lehrerzimmer und eine Schulbibliothek. Bislang gab es keine Straße nach Kelecha Jibat. Deshalb planierte der Bulldozer der Stiftung eine Piste von rund 20 Kilometern Länge bis zu dem Dorf, damit das Baumaterial transportiert werden konnte. Mitte 2016 sollen die 1.500 Schüler und 21 Lehrer die neuen Gebäude in Betrieb nehmen. Große Lamellenfenster sorgen dann für Licht und Luft und auf den betonierten Böden der Klassenzimmer gehört die Sandfloh-Plage der Vergangenheit an.

So erhalten die Kinder von Kelecha Jibat eine echte Chance, etwas aus ihrem Leben zu machen. „Ich möchte Astronomie studieren“, sagt Siebtklässler David Adunja, 13. In der ländlichen Weite des Projektgebiets Dano leuchten die Himmelskörper am Nachthimmel besonders hell: „Es ist ein Meer von Sternen, sie sind unzählbar!“

David Adunja

„Wenn ich nachts zum Himmel blicke, denke ich: So gerne möchte ich mehr über die Sterne wissen!“ David Adunja, 13.

ERWACHSENE GEDANKEN

Merera Tesfaye

Merera Tesfaye hat mit seinen 13 Jahren bereits konkrete Zukunftspläne.

Ihre Gedanken klingen erwachsen. In Äthiopien gibt es nicht das soziale Netz eines europäischen Wohlfahrtstaates, das den Einzelnen auffängt. Deshalb verstehen die Kinder früh, was Achtklässler Merera Tesfaye, 13, so formuliert: „Die Welt ist auf Wissen aufgebaut. Ohne Bildung bist du ein Nichts.“

Im kommenden Jahr wird sich Merera einen Schlafplatz in Seyo mieten, der nächstgelegenen Stadt, und das dortige Gymnasium besuchen. Auch diese weiterführende Schule wurde bereits von Menschen für Menschen mit Schulgebäuden modernisiert. Merera peilt eine Laufbahn als Lehrer an. „Lehrer schaffen das Fundament, damit junge Leute Ingenieure, Ärzte oder Wissenschaftler werden können“, sagt er ernst: „Damit ist der Lehrerberuf der wichtigste Beruf, den es gibt.“

„Früher fühlte ich mich schwach, ich war ständig in der Gesundheitsstation, aber wirklich helfen konnten sie mir dort nicht“, sagt Masay. „Doch in den vergangenen zwei Jahren war ich kein einziges Mal dort!“ Die Töchter Derebe, 16, und Bogale, 15, können die weiterführende Schule in der Kleinstadt Seyo besuchen, die von Menschen für Menschen erweitert und modernisiert wurde: „Nun können wir die Kosten für die Schuluniformen und einen Schlafplatz in Seyo tragen.“

Mardia und ihr glückliches Leben

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So einfach ist es, zu helfen

Bildung

Mit 50 Euro

ermöglichen Sie die Schulbildung für ein Kind (1. bis 8. Klasse).

Schutzimpfungen für Kinder

Mit 105 Euro

können 30 Kinder gegen zehn Krankheiten geimpft werden.

Einkommen

Mit 275 Euro

ermöglichen Sie für eine Frau die Teilnahme an einem Töpferkurs.

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