Die Jüngste im Abdii Borii: die kleine Yadata.

Haus der Hoffnung

Waisen ein Zuhause schenken – das war das Ziel von Karlheinz Böhm, als er 1996 das Abdii-Borii-Kinderheim gründete Heute leben 125 Mädchen und Jungen in Abdii Borii. Mütterliche Fürsorge und ein enges soziales Gefüge geben ihnen den Halt, den sie brauchen, um Vertrauen in die Welt zu gewinnen.

Als die zähe Wolkendecke aufreißt an diesem Morgen im März, taucht Äthiopiens Sonne die Welt in satte Farben. Die saftgrünen Palmen im Wind, die weinroten Uniformen der Kinder auf dem Weg zur Schule, die auberginefarbenen Bungalows im Hintergrund, das alles leuchtet jetzt wie ein großes Versprechen. Yadata blinzelt. Gibt ein kaum hörbares Krächzen von sich. Und döst weiter.

Ein kleines Bündel Mensch im weißblauen Strampler, dünnes Haar klebt am kleinen Kopf, zarte Hände krallen sich ins Nicki: Yadata ist der jüngste Neuzugang im Abdii-Borii-Kinderheim, das Menschen für Menschen in der westäthiopischen Kleinstadt Mettu betreibt. Ihre Lebensgeschichte füllt eine Seite Polizei- und eine Seite Krankenhausbericht: Das Baby kam vor 13 Tagen in einem Dorf, etwa 60 Kilometer von Mettu entfernt, zur Welt. Mutter und Zwillingsschwester starben bei ihrer Geburt. Der Vater lief weg. Nachbarn brachten das Neugeborene zur nächsten Gesundheitsstation. Andere Verwandte gibt es nicht. Yadatas nächste Station war das Krankenhaus von Mettu, das um Aufnahme im Kinderheim bat. Ein paar Tage später hatte Yadata ein neues Zuhause.

Melkamnesh Mekonnen, Erzieherin im Abdii Borii

„Ich muss versuchen, ihr zu geben, was eine Mutter ihrem Kind gibt.“ MELKAMNESH MEKONNEN, 30, ERZIEHERIN

Vertrauen gewinnen

Behutsam hält Melkamnesh Mekonnen die schlafende Yadata auf ihrem Schoß. Die 30-jährige Erzieherin trägt das Haar zu langen Zöpfen geflochten, die ihr rundes Gesicht umspielen. Ihre Augen fixieren das Kind in ihrem Arm, als versuchte sie zu lesen, was in dem kleinen Kopf vor sich geht. Melkamnesh wird in den kommenden Wochen nicht von Yadatas Seite weichen. Sie wird sie wiegen und füttern, wickeln und waschen, sie in den Schlaf singen. Yadata soll sich an Melkamneshs Geruch gewöhnen, an den Klang ihrer Stimme. Sie soll Vertrauen gewinnen in eine Welt, die ihr bislang wenig Grund gab, zu vertrauen. „Ich muss versuchen, ihr zu geben, was eine Mutter ihrem Kind gibt“, sagt Melkamnesh.

Das Abdii-Borii-Kinderheim steht, von Mauern umgeben, am Rand von Mettu wie eine Welt für sich. Wer das Tor passiert, steht zunächst vor dem Verwaltungstrakt und der Gesundheitsstation. Zwischen blühenden Büschen und unter Mangobäumen führen steinerne Wege zu Wohnhäusern, Hauswirtschaftsräumen, dem Speisesaal und der Bibliothek. Dahinter liegt die hauseigene Farm, wo dicke Kohlköpfe und knallgrüner Salat neben Bananenstauden und Papayabäumen sprießen. Auf der Wiese neben dem Hühnerstall grasen ein paar Kühe. Macht zusammen: acht Hektar Garten Eden. Weitere acht Hektar Farmland liegen etwas außerhalb von Mettu an einem Flussufer. Hier wächst ebenfalls Obst und Gemüse für den täglichen Bedarf in Abdii Borii.

Eine Familie sein

weitläufiges Gelände in Abdii Borii

Ein Stück heile Welt: Im Abdii-Borii-Kinderheim wachsen die Jungen und Mädchen in einer intakten Umgebung auf.

Bis zu 150 Mädchen und Jungen leben im Abdii-Borii-Kinderheim. Rund 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – vom Pförtner bis zur
Bibliothekarin – halten den Betrieb am Laufen. In der Wäscherei drehen sich große Trommeln von früh bis spät. Und in der Küche backen Frauen aus 20 Kilo Mehl rund 80 der traditionellen Injera-Fladen – allein fürs Mittagessen.

 

Wenn Rührei auf den Tisch kommt, dann wurde es aus den Eiern zubereitet, die 400 Hennen im Stall nebenan täglich legen. In den Beeten, die Nachschub für die angrenzende Großküche liefern, packen am Nachmittag auch die Jugendlichen mit an: In speziellen Kursen lernen sie das Einmaleins der Gemüsezucht. In der benachbarten Tischlerei zimmern sie Tische und Stühle, in einer Friseurstube zaubern sie einander die neusten Haartrends auf die Köpfe. Der jüngste Plan sieht eine eigene Imkerei vor. Möglichst autark sein und den Jugendlichen die Möglichkeit geben, praktische Erfahrungen zu sammeln: Das ist eines der Ziele des Kinderheims.

Die meisten Kinder kommen im Alter von wenigen Wochen oder Monaten ins Abdii Borii. Sie wurden in zerrüttete Familien geboren, viele wurden am Straßenrand ausgesetzt. Manchmal waren die Behörden schneller und entzogen den Eltern das Sorgerecht, weil sie das Kindeswohl gefährdet sahen. Einige Kinder werden von Verwandten aufgenommen, andere finden Pflegefamilien. Ein großer Teil jedoch landet in einem vom Staat, von den Kirchen oder von einer privaten Organisation betriebenem Waisenhaus. Doch vielen Einrichtungen fehlen die Kapazitäten, um den Kindern ein echtes Zuhause bieten zu können.

Lukas Dejene, Leiter des Abdii Borii

Heimleiter Lukas Dejene plaudert mit seinen Schützlingen.

Das Abdii-Borii-Kinderheim bildet eine Ausnahme. „Wir versuchen, den Kindern, so gut es geht, eine Familie zu sein“, sagt Nuria Musa, 52, die hier schon seit 18 Jahren als Erzieherin tätig ist. Die Kinder leben aufgeteilt in vier Gemeinschaften, den so genannten „Familien“ mit jeweils bis zu 40 Mädchen und Jungen. In jeder Familie sind vier Erzieherinnen tätig, die von den Kindern „Mütter“ genannt werden. „Wir bauen Beziehungen zueinander auf. Das ist der Kern unserer Arbeit“, sagt Nuria. Spätestens wenn die Kinder sieben Jahre alt sind, übernehmen sie im Rahmen von Patenschaften Verantwortung für die Jüngeren. „So entstehen Bindungen wie zu Geschwistern“, sagt Nuria. Ein weiterer Stabilitätsanker sind die Freundschaften der Mädchen und Jungen untereinander.

Lernen im Schichtbetrieb

Mikael macht Hausaufgaben

Verantwortung übernehmen: Mikael (vorne) macht Hausaufgaben unter den Augen eines älteren Zimmergenossen. Im Hintergrund wacht „Mutter“ Nuria.

Der Tag im Kinderheim beginnt um 6.30 Uhr. Nuria, Melkamnesh und die anderen Mütter sind die Ersten, die wach sind. Sie wecken zuerst die jüngeren Kinder, die gemeinsam mit ihnen in einem Zimmer schlafen. Dann klopfen sie an die Türen der Schlafsäle. Jeweils acht Kinder zwischen sechs und 17 Jahren leben hier zusammen. Dann muss es schnell gehen: Aufstehen, Waschen, Zähneputzen, die Älteren haben ein Auge darauf, dass die Jüngeren nicht trödeln. Um 7 Uhr trudeln die ersten Kinder im Speisesaal ein, wo sie mit Honigbroten und Tee erwartet werden, um 7.30 Uhr verlassen die Älteren das Heimgelände in Richtung Schule. Die Jüngeren müssen erst nachmittags zum Unterricht und verbringen den Vormittag mit Hausaufgaben. Lernen im Schichtbetrieb, das ist Alltag in Äthiopien, das längst nicht über genügend Klassenzimmer für all seine Kinder verfügt.

Liebe als Schlüssel zum Erfolg

„Feste Strukturen und Aufgaben geben den Kindern Halt und Sicherheit“, sagt Lukas Dejene. Der 43-jährige Diplompsychologe leitet das Abdii-Borii-Kinderheim seit Februar 2014. Er hat zuvor viele Jahre ähnliche Einrichtungen in Addis Abeba geleitet. Er weiß, dass Kinder, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, nur schwer Vertrauen in die Welt fassen. „Viele dieser Kinder haben Gewalt und andere schreckliche Dinge erlebt“, sagt er. Ihm geht es darum, seinen Schützlingen eine Umgebung bereitzustellen, in der sie sich geborgen fühlen. Dann gebe es eine Chance, dass die Wunden heilen. „Regeln spielen dabei eine große Rolle“, sagt Lukas. „Aber der Schlüssel zum Erfolg ist nicht Strenge – sondern Liebe.“

Karlheinz Böhm, der Gründer von Menschen für Menschen, war auf seinen Reisen nach Äthiopien immer wieder auf die schlechte Versorgung von Waisenkindern aufmerksam geworden. 1989, beim Besuch eines Waisenhauses in der Stadt Yayu, wurde er Zeuge von untragbaren Zuständen. Zunächst unterstützte er die Einrichtung, um die Lebensbedingungen zu verbessern. Doch bald schon wuchs in ihm der Wunsch, ein Heim zu gründen, in dem verstoßene Kinder sich wirklich geborgen fühlen. In Mettu entdeckte er ein Grundstück, das für das Vorhaben geeignet schien, das war 1991.

Die Stiftung holte Genehmigungen ein, kaufte das Land und begann mit dem Bau. Im April 1996 wurde „Abdii Borii“, was übersetzt „Hoffnung auf Morgen“ bedeutet, eingeweiht. 364 Kinder fanden hier seither ein Zuhause. Ein Mangobaum, den Karlheinz Böhm damals eigenhändig auf dem Gelände in die Erde setzte, ragt heute mehr als zehn Meter hoch in den Himmel. Bis ein Kind, das hier aufwächst, Wurzeln entwickelt, vergehen ebenfalls viele Jahre. Da ist zum Beispiel die 10-jährige Beza, ein schmales Mädchen mit eng am Kopf liegenden Zöpfchen und wachen Augen. Sie lernt schneller als die anderen Kinder in ihrer Klasse und wenn im Förderunterricht, den das Heim anbietet, jemand vorlesen soll, schnellt ihr Finger stets als Erstes in die Höhe. „Für sie ist es unheimlich wichtig, gelobt zu werden“, erzählt Nuria. Das Problem: Sie kann keine Kritik vertragen. Sobald etwas nicht nach ihrer Vorstellung läuft, tritt sie schonmal um sich. „Dann ist es unsere Aufgabe, ihr Grenzen aufzuzeigen und ihr zugleich das Gefühl zu geben, geliebt zu werden.“

Beza und Mikael

Fast wie Schule: Beza (l.) und Mikael besuchen den Förderunterricht auf dem Gelände des Abdii-Borii-Kinderheims.

„Jahre des Feuers“

Mikael beim Tischtennisspiel

Mikael hat Spaß beim Spielen an den Tischtennisplatten auf dem Gelände des Abdii Borii.

Oder Mikael, ein schüchterner Junge mit großen Augen, die staunend in die Welt blicken. Im Unterricht ist er meistens still, was daran liegt, dass er Probleme hat, sich zu konzentrieren. Wenn die anderen Kinder ihre Hausaufgaben in der Bibliothek machen, schiebt er bloß die Arbeitsblätter hin und her. „Aber es ist schon besser geworden“, sagt Nuria. Früher sei Mikael oft aufgesprungen, habe irgendetwas kaputtgemacht oder sei kreuz und quer über das Heimgelände gelaufen. „Wir nehmen die Kinder, wie sie sind. Auch wenn das nicht immer einfach ist.“

Wenn aus den Kindern Jugendliche werden, wird die Geduld der Mütter ein weiteres Mal auf die Probe gestellt. Es ist die Zeit, in der viele Mädchen sich in erster Linie für das eigene Spiegelbild interessieren – und die Jungen für gar nichts mehr. Sie hören nicht zu, sind widerspenstig, hitzköpfig. „Jahre des Feuers“ nennen sie diese Lebensphase in Äthiopien. Es ist die Zeit, in der die Mütter einen kühlen Kopf bewahren müssen. Aufmerksamkeit schenken, aber nicht aufdrängen. „Und nicht alles melden, was die Jugendlichen anstellen“, sagt Nuria und schmunzelt.

Integriert und engagiert

Im besten Fall wachsen Kinder, die ohne eine Chance zur Welt kamen, hier zu selbstbewussten jungen Menschen heran. Das zeigt nicht zuletzt die Anerkennung, die sie in der staatlichen Schule von Mettu genießen. Während viele Waisenkinder in Äthiopien unter Ausgrenzung leiden, sind die Kinder aus Abdii Borii hier gut integriert. Die Leistungen sind in der Regel stabil, zudem gelten sie als sozial engagiert.

Wie die 18-jährige Hirut. Sie steht kurz vor ihrem Abschluss und möchte sich danach für ein Studium bewerben. „Medizin und Psychologie“, sagt sie. Die Kosten wird Menschen für Menschen tragen, wie bei allen Kindern aus Abdii Borii. Hirut freut sich, ihr Leben bald in die eigenen Hände nehmen zu können. Nur eine Sache macht sie etwas traurig: Wenn sie Mettu verlässt, enden viele Beziehungen. Da ist zum Beispiel die 9-jährige Zertihun, die ihr Patenkind in Abdii Borii ist. Oder das Mädchen in ihrer Klasse, das große Probleme mit seiner Stieffamilie hat. „Manche nutzen das aus, um sie zu hänseln.“ Hirut nicht. „Wenn es ihr schlecht geht, kommt sie zu mir.“ In ihren letzten Monaten in Abdii Borii verbringt Hirut jede freie Minute mit ihren Freundinnen und Freunden, vor allem mit den Jüngsten aus ihrer „Familie“. Um ihre kleinste „Schwester“ aber werden sich künftig andere kümmern müssen. Hirut nimmt das Bündel im weißblauen Nicki auf den Arm. Yadata ist aufgewacht.

Im Abdii-Borii-Kinderheim finden Waisen Liebe und Geborgenheit und wachsen sin familienähnlichen Verhältnissen auf.

Acht Hektar Garten Eden: Auf dem weitläufigen Gelände des Kinderheims finden die Kinder Platz zum Toben.

Und nebenan weidet das Vieh.

Einmaleins der Gemüsezucht: Die Jugendlichen packen mit an.

Arbeitsgemeinschaft: Die Jugendlichen beteiligen sich an den täglichen Aufgaben. Im kleinen Friseursalon surrt der Bartschneider.

Köchinnen backen Injera-Fladen in der Küche …

… die wenig später auf den Tellern dieser Mädchen landen.

Familienfoto: Nuria Musa hat einige Jungen und Mädchen aus ihrem Haus zusammengetrommelt.

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So einfach ist es, zu helfen

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