Teilnehmer der Kooperative Nigersaatöl

Grün ist die Hoffnung

Im Projektgebiet Dano initiiert Menschen für Menschen in Kooperation mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) die Gründung von landwirtschaftlichen Produktions- und Vertriebsgemeinschaften. Ob Honig, Speiseöl oder Viehfutter: Das Programm „Grüne Innovationszentren“ hilft, die Produktivität der Landwirtschaft zu erhöhen, und schafft Arbeit und Einkommen vor Ort. Neue lokale Wertschöpfungsketten sorgen dafür, dass die Menschen von den Schätzen ihrer Region profitieren.

Der Sitz dieses Start-ups ist ein staubiger Hinterhof, Größe: etwa 20 Quadratmeter, sorgfältig mit roten Plastikplanen aus¬gelegt. Sie sollen verhindern, dass etwas von dem kostbaren Gut verloren geht, das die Jungunternehmer – sechs Frauen und vier Männer – hier in den kommenden Stunden verarbei¬ten wollen. „Die Nigersamen sind sehr leicht. Ein Windstoß reicht, um sie aufzuwirbeln und in alle Richtungen zu verteilen“, sagt Sheleme Jonfe.

Im Arm der 25-Jährigen schlummert ihr acht Monate alter Sohn Adonech. Gleich beginnt die Schicht, dann wird sie den Jungen auf eine Decke in den Schatten legen. Wenn er auf¬wacht und schreit, wird sie ihn wieder auf den Arm nehmen und stillen. Dass sie dafür ihre Arbeit unterbricht, ist in diesem Unternehmen kein Problem. Wer sollte ihr das auch verbieten? Sheleme Jonfe, eine schüchterne Frau, die das kleine Holz¬kreuz der Landbevölkerung um den Hals trägt, ist keine Angestellte, die den Weisungen eines Chefs folgen müsste. Sie gehört zu den Gründern und Eigentümern des Start-ups.

Sheleme Jonfe mit ihrem Sohn Adonech

Die 25-jährigen Sheleme Jonfe mit ihrem acht Monate alten Sohn Adonech.

Das Dorf Ayeru liegt ein paar Kilometer außerhalb der Stadt Seyo in der Projektregion Dano, rund 230 Kilometer westlich von Addis Abeba. Anfang 2017 haben sich Sheleme Jonfe und neun Mitstreiter hier auf Initiative der Stiftung Menschen für Menschen zu einer Kooperative zusammengetan. Ihr Ge¬schäftsmodell ist denkbar simpel: Sie kaufen säckeweise Nigersamen – die ölhaltige Saat des Ramtillkrauts, die in Äthiopien vielseitig genutzt wird – von den Bauern aus der Umgebung. Dann befreien sie die Samen von Verunreinigungen und verkaufen sie an eine Ölmühle weiter.

Sheleme Jonfe befreit die Nigersamen von Verunreinigungen

Von der Spreu befreien: Sheleme und die anderen Frauen schwenken die Saat in runden, geflochtenen Tellern und pusten die Spreu heraus.

„Frühlingskultur“ haben sie ihre Gemein¬schaft genannt, vielleicht, weil diese Grün¬dung für sie alle wie ein Aufbruch in ein neues Leben war. Bevor die Frauen und Männer zu Jungunternehmern wurden, wa¬ren sie arbeitslos – und es sah nicht so aus, als würde sich das bald ändern. „Mein Mann, unser Sohn und ich lebten von dem, was unser kleines Stück Land hergab. Aber das war nie genug“, sagt Sheleme. „Aber seit es die Kooperative gibt, kann ich auch etwas zum Haushaltseinkommen beitragen.“

Hinter ihr geht es inzwischen los: Zwei Männer zerren einen der hüfthohen 100-Kilo-Säcke aus dem Lagerraum in den Hof, lösen das Band, mit dem er zugenäht ist und neigen ihn vorsichtig zur Seite. Leise rauschend fließen die dunkel¬braunen, glänzenden Nigersamen auf die rote Folie. Mit einem holzgerahmten Sieb filtern sie grobe Verunreinigungen wie Äste oder Blätter aus der Saat. Der zweite Schritt ist aufwen¬diger. Nach und nach schwenken Sheleme und die anderen Frauen die Saat in runden, geflochtenen Tellern und pusten die Spreu heraus. Übrig bleibt: reine Ölsaat.

Die Kooperative „Frühlingskultur“ ist Teil einer Initiative, die Menschen für Menschen gemeinsam mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit seit Ende 2015 in der Projektregion Dano umsetzt. „Grünes Innovationszentrum“, nennt sich das Projekt, das dazu dient, agrikulturelle Wertschöpfungsketten und damit Arbeitsplätze und Einkommen auf dem Land zu schaffen. Im Falle der Nigersamen heißt das: Anstatt wie früher unverarbeitet mit dem Lkw zur nächsten großen Ölmühle transportiert zu werden, bleibt die Ölsaat heute in Dano, wo sie in mehreren Schritten zu Öl verarbeitet wird. Dabei arbeiten verschiedene junge Unternehmen eng zusammen: So gibt es neben der Kooperative „Frühlingskultur“ ein weiteres Start-up, das die Ölmühle betreibt.

Vom Potenzial der Region profitieren

„Speiseöl aus Nigersaat wird in Äthiopien zum Braten von Gemüse oder Fleisch verwendet. Es ist nicht ganz günstig – und gilt wegen seines nussigen Geschmacks als Delikatesse“, sagt Stiftungsvorstand Peter Renner. „Ziel des Grünen Innovationszentrums ist es, dass die Menschen vor Ort von diesen und anderen Schätzen ihrer Region profitieren.“

Hierzu zählt etwa der Honig, den eine Imker-Kooperative produziert. Sie reicht ihn an eine Kooperative weiter, die sich darauf spezialisiert hat, ihn vom Bienenwachs zu reinigen. Im Anschluss verpacken andere Jungunternehmer den Honig und übergeben ihn an eine vierte Kooperative, die für den Vertrieb zuständig ist. Von Gemüse über Saatgut bis Tierfutter: Zweieinhalb Jahre nach Gründung des Grünen Innovationszentrums sind in Dano mehr als 400 junge Frauen und Männer in unterschiedlichen Unternehmen organisiert, die landwirtschaftliche Produkte vor Ort weiterverarbeiten.

Vorstand Peter Renner mit zwei Frauen aus der Kooperative zur Ölgewinnung

Vorstand Peter Renner informiert sich bei der Kooperative für Ölgewinnung über die Abfüllung in verkaufsfertige Faschen.

„Als Stiftung ist es unsere Aufgabe, die Kooperativen in der Gründungsphase zu unterstützen“, sagt Peter Renner. „Wir versorgen sie mit Startkapital und bieten ihnen Trainings an. Zudem sorgen wir für die notwendige Infrastruktur – von unserem kleinen Gewerbepark bis bis zur motorgetriebenen Ölmühle.“ Dem Stiftungsmotto „Hilfe zur Selbstentwicklung“ folgend, ist das Ziel der Unternehmensgründungen aber, dass sie nach einer Anlaufphase eigenverantwortlich und selbstständig arbeiten. „Sie müssen anfangen, wie Unternehmer zu denken“, so Renner. „Das heißt zum Beispiel: Nachhaltig wirtschaften, Rücklagen bilden oder notwendige Veränderungen selbstständig umsetzen.“

frisch abgefüllt

Speiseöl aus Nigersaat ist in Äthiopien sehr beliebt.

Der Profit der Kooperative „Frühlingskultur“ lässt sich einfach errechnen: Sie bezahlen den Bauern umgerechnet 54 Euro für 100 Kilo ungereinigte Nigersamen. Die gereinigten Samen verkaufen sie für umgerechnet 62 Euro pro 100 Kilo an die Kooperative, die aus den Samen Öl presst. Der Gewinn von 8 Euro pro 100 Kilo bleibt bei Sheleme Jonfe und den anderen. „Natürlich kann meine Familie das Geld, das ich verdiene, gut gebrauchen“, sagt Sheleme. Doch die Arbeit bedeute ihr mehr. „Eine Aufgabe zu haben, gibt mir Selbstvertrauen.“ Eine Kollegin, die zugehört hat, wirft ein: „Außerdem sind wir Frauen unabhängiger von unseren Männern, wenn wir selbst Geld verdienen.“

Zukunftsperspektiven für die Jungen

Die Produktivität der Landwirtschaft erhöhen – und zugleich Arbeitsplätze auf dem Land schaffen: Das Grüne Innovationszentrum verfolgt ein doppeltes Ziel, das entscheidend für die Zukunft von Äthiopien sein kann. Zum einen, weil Kleinbauern der Schlüssel zur Ernährungssicherheit sind: Nach Schätzungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) produzieren sie in Afrika und Asien rund 70 Prozent der lokalen Lebensmittel, in Äthiopien sind es sogar 90 Prozent. Wer sie fördert, stellt sicher, dass die Menschen sich auch in Zukunft selbst versorgen können. Zum anderen, um der jungen Generation eine Perspektive zu geben. Seit der Gründung der Stiftung Menschen für Menschen hat sich die Zahl der Menschen in Äthiopien von 36 Millionen auf 105 Millionen fast verdreifacht. Heute ist die Hälfte der Bevölkerung jünger als 19 Jahre. Diese große Zahl heranwachsender Menschen stellt zugleich ein Risiko und eine Chance dar: Bietet man ihnen keine Perspektive, könnte das mittelfristig die Stabilität des Landes in Gefahr bringen. Umgekehrt aber sind die vielen jungen Äthiopierinnen und Äthiopier ein großes Potenzial für das Land und können seine wirtschaftliche Entwicklung mit voranbringen.

Der Tatendrang, der aus solchen Perspektiven erwächst, lässt sich auch am Rand der Kleinstadt Seyo auf einer Anhöhe besichtigen. In direkter Nachbarschaft zu ihrer lokalen Niederlassung hat die Stiftung Menschen für Menschen einen kleinen Gewerbepark errichten lassen, der so etwas wie der Maschinenraum des Grünen Innovationszentrums ist. In funkelnden Hallen aus Wellblech sind vor allem jene Kooperativen angesiedelt, die viel Platz für ihre Produktion benötigen – oder mit wertvollen Anlagen arbeiten, die vor Diebstahl geschützt werden müssen. Da sind zum Beispiel jene, die Honig von Bienenwachs und aderen Verunreinigungen trennen und ihn in Gläser abfüllen. Andere stellen Viehfutter aus Ernteabfällen und nährstoffreichen Zusätzen her.

Halle für die Tierfutterproduktion

Im sog. “Industrial Park”, wie die Projektmitarbeiter witzeln, stehen die Maschinen und teilweise dient die Halle auch als Lager.

In einer weiteren Halle dröhnen Motoren, ein nussiger Duft liegt in der Luft. Etwa zehn junge Frauen und Männer verarbeiten hier die Nigersamen, die Sheleme Jonfe und die anderen in dem Hinterhof in Ayeru gereinigt haben, zu Öl. Das gelingt dank eingespielter Teamarbeit: Während die einen die Nigersamen Eimer um Eimer in die Ölmühle kippen, filtern andere das Öl, das aus einem Ablauf am anderen Ende der Maschine fließt. Eine dritte Gruppe entsorgt die ausgepressten Samen, die eine Halle weiter dem Viehfutter beigemischt werden. Eine vierte füllt das Öl mit einem Trichter in Literflaschen ab. Fertig zum Abtransport!

Die gereinigte Nigersaat wird in Säcken verpackt in der Werkshalle zwischengelagert.

Mitglieder der Kooperative schütten die Nigersaat anschließend in die Ölpresse.

Nach der Pressung wird die Flüssigkeit durch einen Ölfilter geleitet.

Durch Hähne fließt schließlich reines Öl ab.

Das Speiseöl aus der Nigersaat wird dann zunächst in Fässer abgefüllt …

…später dann in 500-ml- bzw. 1-Liter-Flaschen für den Verlauf abgefüllt wird.

Sophia Lachisa (22) ist Teil der Kooperative Ölgewinnung und stolz auf ihre Arbeit.

„Für mich erfüllt sich hier ein Traum“, sagt Jamal Awol, sportliche Statur im beigefarbenen Overall. Der 25-jährige Sprecher der Kooperative blickt, wie viele junge Erwachsene, auf Jahre zurück, in denen er keine berufliche Perspektive hatte. Und so verfiel er, wie viele andere, zunächst den Blättern des Khat-Strauchs, ein in manchen Regionen Äthiopiens weit verbreitetes Rauschmittel. Er saß in Seyo am Straßenrand, kaute Khat und ließ den Tag an sich vorbeiziehen. Um sein Leben zu finanzieren, handelte er mit den Blättern. „Meine Eltern haben in dieser Zeit sehr gelitten“, sagt er. „Sie hatten Angst, dass ich kriminell werde.“

Der 25-jährige Jamal Awol

 „Für mich erfüllt sich hier ein Traum.“ Jamal Awol, 25, Kooperativensprecher

„Eines Tages sprachen uns Männer aus dem Büro des Bürgermeisters an“, erzählt Jamal. „Sie erzählten uns von den Plänen, hier landwirtschaftliche Kooperativen aufzubauen.“ Sie luden ihn und die anderen zu einem Seminar ein, das zwei Tage dauerte. Im Nachhinein glaubt Jamal, dass das lange Seminar dazu diente, ihren Willen zu testen. „Viele verschwanden nach einiger Zeit wieder zu den Khat-Blättern.“

Jamal hielt durch. Er absolvierte eine Reihe von Trainings – vom Umgang mit den Maschinen bis zur Buchhaltung. Und als schließlich die Gründung der Kooperative anstand und sie ihn fragten, ob er ihr Sprecher sein wolle, zögerte er keine Sekunde. „Früher habe ich tagsüber gedöst und konnte nachts nicht schlafen, weil ich mir Sorgen um meine Zukunft machte“, sagt er. „Heute ist es genau umgekehrt: Ich stehe früh auf, arbeite den ganzen Tag und habe nachts süße Träume. Endlich habe ich ein Ziel im Leben: diese Ölmühle zum Erfolg bringen.“

Mardia und ihr glückliches Leben

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