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Das neue "Swinging Addis"

Der Film „Broken Flowers“, der 2005 in die deutschen Kinos kam, blieb dem Publikum vor allem wegen zwei Dingen in Erinnerung. Erstens: Bill Murray als alternder Junggeselle Don Johnston – eine Rolle, die ihm wie auf den Leib geschrieben war. Zweitens: Die wundersame Musik, die Regisseur Jim Jarmusch ausgewählt hatte – eine Form von Jazz mit arabischen und lateinamerikanischen Einflüssen. Der treibende, psychedelische Sound zog viele Kinobesucher in seinen Bann und warf die Frage auf: Was ist das für eine Musik? Die Antwort war im Abspann zu lesen: Der Musiker, den Jarmusch einem breiten Publikum zugänglich machte, heißt Mulatu Astatke.

Die Geburt des "Ethio-Jazz"

Fans von Jazz und Weltmusik war der Name natürlich ein Begriff. Astatke, 1943 geboren, gilt als Pionier des „Ethio-Jazz“, einer Mischung aus traditioneller äthiopischer Musik und modernem Jazz, die erstmals in den 1960er Jahren in Addis Abeba bekannt wurde. Astatke war damals nach dem Jazzstudium in England und den USA zurück in seine Heimat gekehrt und wurde zu einer treibenden Kraft des neuen Stils. Der Percussionist und Vibraphonist erforschte die traditionelle Musik seines Landes – und mischte sie mit modernen Stilen. Der neue Sound sorgte für Furore in den Clubs der Hauptstadt, die bald den Beinamen „Swinging Addis“ trug. Dann kam es zu einem abrupten Ende der jungen Szene: Die sozialistische Junta, die 1974 an die Macht kam, machte Plattenlabels und Clubs dicht. Ethio-Jazz geriet in Vergessenheit.

Proben für den Auftritt: Bald will die Jazzamba School of Music sich mit Konzerten finanzieren.

Nach dem Sturz der Diktatur im Jahr 1991 nahm Mulatu Astatke seine Mission wieder auf: Als Radio-DJ machte er die Musik in Äthiopien bekannt, mit seiner Band geht der 73-jährige bis heute weltweit auf Tour. Zunächst lief es etwas schleppend, doch in den vergangenen Jahren sind Ethio-Jazz – und andere Spielarten des Jazz – wieder auf dem Vormarsch in Addis Abeba. In „Mamas Kitchen“, im „African Jazz Village“ und vielen anderen Clubs der Stadt. Ein Comeback, das auch die Nachfrage nach Profimusikern fördert.

Die Jazzamba School of Music

Schulleiter Abiy Woldemariam legt großen Wert auf die individuelle künstlerische Entwicklung seiner Schüler.

Schulleiter Abiy Woldemariam legt  großen Wert auf die individuelle künstlerische Entwicklung  seiner Schüler.

Ein Ort, an dem junge Talente ausgebildet werden, ist die „Jazzamba School of Music“. Drei Jahre lang lernen hier rund 30 Schüler pro Jahrgang die verschiedenen Stile – von Jazz über Funk bis Samba oder Rhythm and Blues. „Dabei spielt EthioJazz eine wichtige Rolle“, sagt Schulleiter Abiy Wolde mariam, 31. „Es geht uns aber nicht darum, den Astatke-Stil zu kopieren. Jeder Musiker muss seinen eigenen Stil entdecken und entwickeln können.“ Die Studiengebühren tragen derzeit Sponsoren, bald will die Schule sich aber mit Konzerten selbst finanzieren. „Die Szene, die in der Stadt entsteht, macht mir Mut, dass wir das schaffen können“, sagt Woldemariam. „Hier wächst eine Bewegung heran – und wir sind ganz vorne mit dabei.“