Ostern in der Felsenstadt

Bete Giyorgis - die bekannteste und am besten erhaltene Felskirche von Lalibela

18

von | Apr 18, 2019 | Äthiopien Wiki

Die Stadt Lalibela ist ein sagenumwobener Ort, der mit einer 20-stündigen Busreise oder einem 50-minütigen Flug von Addis Abeba erreichbar ist. Man findet dort ein architektonisches Meisterwerk, das zeitgleich einer der wichtigsten Orte für Christen und ein Highlight jedes Touristen ist – besonders zu Ostern.

Lalibela war im 12. und 13. Jahrhundert die Hauptstadt des Königreiches Äthiopien. Der König von Lalibela soll sich gewünscht haben, Jerusalem zu besuchen und dort begraben zu werden. Im Traum bekam er von Gott die Anweisung, ein neues Jerusalem in seiner Heimat zu erbauen. Einer anderen Legende zufolge träumte der König eines Nachts davon in Jerusalem zu sein. Dabei enthüllte Gott ihm die Geheimnisse der Heiligen Stätten und forderte ihn auf, ein Abbild davon in Äthiopien zu errichten. Grund genug die Stadt auch Neu-Jerusalem zu nennen.

Bete Giyorgis - die bekannteste und am besten erhaltene Felskirche von Lalibela - aus der Vogelperspektive
Bet Abba Libanos - eine der elf Felsenkirchen von Lalibela

Auf den Bildern von Lalibela erkennt an sofort die einzigartige Handarbeit. Die aus Stein gemeiselten Kirchen Bet Giyorgis (rechts) und Bet Abba Libanos (links) sind eine Hauptattraktion für jeden Touristen in Äthiopien.

Tatsächlich bietet Lalibela Parallelen zum Heiligen Land: der kleines Fluss Yordanos, der nur in der Regenzeit Wasser führt, die Plätze Golgatha und Sinai sowie Gräber, die Adam und Jesus gewidmet sind. Doch die eigentliche Besonderheit von Lalibela sind die elf Felsenirchen, die in den rostroten Tuffstein gemeißelt wurden. Jedes Gebäude, jede Treppe, jeder Altar wurde filigran ausgearbeitet – der Legende nach in nur 23 Jahren. So soll der König tagsüber alleine gemeißelt haben, nachts wurde er dann von unzähligen Engeln abgelöst, die sein Tagewerk vollendeten. Andere sind der Überzeugung, der König hätte gemeinsam mit vielen anderen an diesem Projekt gearbeitet oder sie mit fortwährenden Gebeten unterstützt. Wissenschaftler hingegen gehen davon aus, dass 40.000 Menschen an den Bauarbeiten beteiligt gewesen sein mussten, um die ganze Arbeit in diesem kurzen Zeitraum zu bewerkstelligen. Wie auch immer dieses Meisterwerk entstanden ist, ein Highlight jeder Äthiopienreise ist es allemal. Seit 1978 zählen die Felsenkirchen von Lalibela sogar als UNESCO-Weltkulturerbe.

Besonders an christlichen Feiertagen wie Weihnachten oder Ostern wird Lalibela zu einer faszinierenden Pilgerstätte – für Gläubige und Neugierige aus aller Welt. So auch in diesem Jahr: Seit dem 4. März verzichten zahlreiche äthiopische orthodoxe Christen auf tierische Produkte wie Fleisch, Eier und Milch, außerdem auf Alkohol und Musik. Das Abiy Tsom – das heilige Fasten – dauert bis zum äthiopisch-orthodoxen Ostersonntag, dem 28. April, und gipfelt in einem absoluten Verzicht von Nahrungsmitteln zwischen Karfreitag und Ostersonntag.

Jedes Gebäude, jede Treppe, jeder Altar wurde filigran ausgearbeitet – der Legende nach in nur 23 Jahren.

Während der gesamten Fastenzeit finden in Lalibela täglich zweieinhalbstündige Nachmittagspredigten zur spirituellen Reinigung statt. Die gesamte Stadt verwandelt sich quasi in ein ehrfürchtiges Meditationskloster. Je näher Ostern rückt, desto besonnener wird die Stimmung der Gläubigen. Entsprechend besonders ist die Heilige Woche – die sieben Tage vor der Auferstehung Christi.

Das Osterfest wird am Gründonnerstag feierlich eingeleitet. Jede Familie backt ein spezielles Osterbrot mit je zwölf Verzierungen für die zwölf Apostel. Zur Feier des „Letzten Abendmahls“ wird abends im Kreise der Familie das typische Gründonnerstags-Essen verspeist: Frisches Brot und gulban – eine Mischung aus gekochtem Getreide. Tiefgläubige verzichten nach dieser Mahlzeit bis zum Fastenbrechen am Ostersonntag vollständig auf Nahrungsaufnahme.

Ein Prister, der vor einer Felsenkirche seine Bibel studiert
Bete Giyorgis - die bekannteste und am besten erhaltene Felskirche von Lalibela - aus der Vogelperspektive

Die Priester von Lalibela genießen an heißen Tagen den kühlen Schatten der Felskirchen. Dort lesen sie in ihrer Bibel und beten. Auch in den Kirchen gibt es einiges zu entdecken. So etwa auch die handgemalten Wand und Deckenbilder, die von der UNESCO teilweise restauriert wurden.

Karfreitag dann ziehen die Kinder von Lalibela morgens los und singen das Lied “Misha Musho”. Es besteht aus einem Vers, der übersetzt so viel bedeutet wie: „Jesus wurde von den Römern festgenommen, er hat gebrochene Knochen und viele Wunden, wir sind hier, um dich nach Gaben für sein Essen zu bitten.“ Vergleichbar mit den katholischen Sternsingern in Deutschland ziehen die Kinder von Haus zu Haus und sammeln Teff- und Shiromehl oder das Gewürz Berbere. Eine Tradition, die es nur in Lalibela gibt. Auch jene Menschen, die ihre Religion nicht täglich ausüben, gehen in die Kirche, um Gott um Vergebung zu bitten.

Am Heiligen Samstag verteilen Kirchenmitglieder lange Grashalme. Wozu? Die Gläubigen binden sie sich um den Kopf, sie symbolisieren Jesus‘ Dornenkrone. Ostersamstag ist ein sehr geschäftiger Tag. Alle sind unterwegs, um letzte Besorgungen für das große Fastenbrechen zu machen. Abends dann treffen sich die Gläubigen – und Schaulustigen – in und um die Kirchen von Lalibela, bis früh morgens wird andächtig gebetet. Danach wird die Auferstehung Jesu von den zahlreichen Priestern feierlich verkündet. Eine ausgelassene Feier mit lautstarkem Gesang  von unzähligen weiß gekleideten Menschen beginnt. Das Feuer der Honigkerzen erhellt die dunklen Ecken der Kirche und sorgt für eine atemberaubende Atmosphäre. Am Morgen kehren die Gläubigen nach Hause und genießen ein fleischreiches Festmahl mit ihrer Familie.

Girma, ein ortsansässiger Äthiopier fasst die Osterfeierlichkeiten in Lalibela so zusammen: “Man kann die Stimmung nicht in Worte fassen, man muss es selbst erleben.“

Weitere Artikel aus unserem Blog

Äthiopische Hochzeitsgeschenke

Äthiopische Hochzeitsgeschenke

Hirten verstauen meist ihre Brotzeit in der kreisrunden Tasche namens „Agelgil“ – praktischerweise so rund wie Injera-Fladen. Doch die meist ziegenlederne Tasche ist mehr als ein Energiepaket. Mit ihr verbinden Äthiopier alte Traditionen.

mehr lesen
Äthiopischer Honigwein Tej

Äthiopischer Honigwein Tej

Kennen Sie den bernsteinfarbenen Honigwein aus Äthiopien? Tej – ausgesprochen Tedsch – wird traditionell von Frauen hergestellt und in speziellen Gasthäusern, den sogenannten Tej Bets genossen. Dort jedoch vornehmlich von männlichen Gästen. Erfahren Sie bei uns, wir das süße Getränk gebraut wird.

mehr lesen
Blickfang der besonderen Art

Blickfang der besonderen Art

Körperschmuck, an den sich das europäische Auge erst gewöhnen muss, ist unter den Völkern Äthiopiens nach wie vor weit verbreitet. Etwa die rot eingefärbten Handflächen und Fußsohlen, mit denen sich die Frauen in verschiedenen Regionen des Landes zu Festtagen schmücken.

mehr lesen

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.