Mitgift aus Ziegen-Leder

Serkalem fertigt traditionelle Taschen, sog. Agelgil.

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von | Mrz 28, 2019 | Land und Leute

Die so genannten „Agelgil“, die traditionellen Provianttaschen erinnern an eine alte Tradition, die wohl oder übel längst nicht mehr überall in Äthiopien gepflegt wird.

Wer mit dem Geländewagen auf Äthiopiens holprigen Landstraßen unterwegs ist, begegnet ihnen selbst in den einsamsten Gegenden: Männern, die Kühe, Ziegen und Esel, selten mehr als ein Dutzend, zur nächsten Weide treiben. Doch die kann ziemlich weit entfernt sein. Die Ackerfläche in Äthiopien wächst, und so müssen die Hirten oft viele Stunden durch die Landschaft marschieren, bis sie ein Stück freies Land erreichen, auf dem das Vieh ungestört grasen kann. Wer lange unterwegs ist, bekommt irgendwann Hunger. Deshalb treten die Hirten längere Touren nie ohne ihre Brotzeit an. Verstaut ist die bis heute oft in einer kreisrunden ledernen Tasche, die lässig an der Schulter ihres Besitzers baumelt. „Agelgil“ werden die Provianttaschen genannt. Sie enthalten meist die ebenfalls runden Injera-Fladen, die Basis jeder Mahlzeit in Äthiopien, bestrichen mit Butter.

Die traditionelle Agelgil, aus Stroh geflochten und mit Leder überzogen, ist aber mehr als ein Energiepaket für lange Märsche. Sie erinnert auch an eine Tradition, die längst nicht mehr überall gepflegt wird.

Traditionelle Provianttaschen "Agelgil"

Die traditionellen Provianttaschen „Agelgil“ enthalten meist die ebenfalls runden Injera-Fladen. Foto: Stiftung Menschen für Menschen

Eine der Frauen, die sie noch kennengelernt hat, ist Serkalem Tilahun, 47, eine Bäuerin aus der Projektregion Borena. Sie erzählt uns die Geschichte der Agelgil. „Es beginnt, wenn ein Mädchen einem Jungen versprochen wird“, sagt sie. Mutter und Tochter beginnen Stroh zu sammeln und es zu langen festen Bändern zu wickeln. Daraus fertigen die beiden dann gemeinsam die Tasche. „Dann schlachtet die Familie eine Ziege, um die Tasche mit dem Leder zu beziehen.“ Am Tag der Hochzeit überreicht die Braut dem Bräutigam schließlich die Agelgil als Geschenk. Jedenfalls sei das früher so gewesen. Heute wisse kaum noch ein Mädchen, wie man eine Agelgil fertigt.

„Das Leben in Äthiopien verändert sich eben. Viele Traditionen verschwinden“, sagt Serkalem und fügt hinzu: „Das muss nicht immer schlecht sein!“

Dann erzählt sie ihre Geschichte: „Vor 35 Jahren, ich war zwölf Jahre alt, fertigte ich mit meiner Mutter eine Agelgil, füllte sie mit Brot und Butter und verschnürte sie fest. Dann musste ich mein Gesicht mit einem Schleier verhüllen und wurde auf dem Rücken eines Esels zu meinem Bräutigam geführt“. Zu einem Mann, den sie nie zuvor gesehen hatte. „Er war neun Jahre älter“, sagt sie. „Aber ich hatte Glück. Er ist ein guter Mann.“

Das Paar hat vier Kinder. Für sie hat Serkalem sich von Anfang an andere, modernere Liebesgeschichten gewünscht. Und so kam es auch: Sie wählten ihre Partner selbst – als sie soweit waren. „Wer seine große Liebe findet, braucht nicht unbedingt eine Agelgil als Hochzeitsgeschenk“, sagt sie.

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