Blickfang der besonderen Art

In verschiedenen Regionen Äthiopiens färben sich die Frauen an Festtagen Handflächen und Fußsohlen rot ein.

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von | Feb 26, 2019 | Kurioses

Sei es Schmuck, Körperbemalung oder Tätowierung – In Äthiopien bekommt man vieles zu sehen.

Die gehören zu den wohl bekanntesten Attraktionen Äthiopiens: Die Frauen mit den Tellerlippen. Ein stark verzerrtes Bild, denn die skurrile Form des Körperschmucks wird nur von einer kleinen Minderheit im Land getragen. Nur die Mursi und die Surma, zwei Völker, die im Südwesten des Landes leben, pflegen den mit großen Schmerzen verbundenen Brauch, bei dem Mädchen nach der Pubertät zwei untere Schneidezähne ausgeschlagen werden, bevor man ihre Unterlippe aufschneidet und allmählich dehnt. Heute ist das Ritual auch Geldquelle: Viele Frauen legen die Lippenteller an, wenn Touristen nahen. Denn die zahlen für ein Foto gerne ein paar Birr oder gar einen Dollar.

Körperschmuck, an den sich das europäische Auge erst gewöhnen muss, ist unter den Völkern Äthiopiens nach wie vor weit verbreitet. Da sind die Schmucknarben, die den Rücken und die Arme der Hamar zieren. Und die Surma bemalen sich zu festlichen Anlässen mit weißer Tonfarbe. Andere Praktiken, wie Piercings oder Tätowierungen, gehören auch bei uns längst zum Alltagsbild – wenn auch in etwas anderer Form: So lassen sich die Tigray, die im Norden Äthiopiens leben, ein orthodoxes Kreuz in die Stirnhaut stechen. Noch ungewöhnlicher: Zahnfleisch-Tattoos bei Frauen. Dabei wird eine Mischung aus Ruß und Kerosin auf das Zahnfleisch gerieben und anschließend mit einem Bündel Nähnadeln eingestochen. Warum? Nun, Zähne strahlen heller vor dunklem Grund. Die schlechten hygienischen Bedingungen, unter denen etwa Tattoos oder Schmucknarben entstehen, steigern allerdings die Gefahr von Infektionen. So können Eitelkeit und Tradition ein böses Nachspiel haben.

Die Wurzel der Urwaldpflanze "Ensosella" wird gerieben.

Doch nicht jede Körperzierde ist derart riskant. Da sind zum Beispiel die rot eingefärbten Handflächen und Fußsohlen, mit denen sich die Frauen in verschiedenen Regionen des Landes zu Festtagen schmücken. Dazu mischen sie die geriebene Wurzel der Urwaldpflanze „Ensosela“ mit Limettensaft an. Die so gewonnene Paste wird den weiblichen Familienmitgliedern auf Handflächen und Fußsohlen aufgebracht. Nach dem Eintrocknen über Nacht leuchtet die Haut an diesen Stellen in flammendem Rot. Ein wenig Fettcreme unterstützt den Effekt noch.

Der Kultursoziologe Georg Simmel sieht die wichtigste Funktion von Schmuck – wobei er eher europäischen Umhängeschmuck meint – in der Dokumentation von Zugehörigkeit und Abgrenzung.

Man will zeigen, zu welchem Stand – auf Äthiopien übertragen: Stamm – man gehört – und zu welchem nicht.

Eine weitere Funktion, die Schmuck haben kann, war dem Europäer Simmel weniger bewusst: die der Abschreckung. Die Tellerlippen, so glauben Ethnologen, dienten ursprünglich dazu, die Mursi-Frauen für Sklavenjäger unattraktiv zu machen. Der bizarre Kult mag Frauen einst das Leben gerettet haben.

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