Weihrauch zur Coffeetime

Harzverkäuferin auf dem Mercato in Addis Abeba

6

von | Nov 6, 2018 | Land und Leute

Baumharze unterschiedlichster Konsistenz und Güte machen den Mercato in Addis Abeba an bestimmten Stellen zu einem duftenden Ort.

Mofas knattern, Autos hupen, Marktleute rufen durcheinander, in unzähligen Werkstätten hämmern, schleifen und sägen die Handwerker: Der „Mercato“ in Addis Abeba, Afrikas größter Markt, ist eine endlose Ansammlung von Hütten und Ständen, umweht von Abgasen und Müllgestank.

In einer Gasse aber, mitten im Getümmel, liegt ein wundersamer Duft in der Luft: süßlich-herb, ein bisschen seifig. Er geht von ein paar Marktständen aus, vor denen sich Schüsseln und Säcke türmen. Darin: mal feines Pulver, mal grobe Krümel, mal faustgroße Brocken – in Farbabstufungen von hellbeige bis dunkelbraun. Weihrauch. Im Minutentakt steuern Kunden die Stände an, lassen sich ein paar Gramm in Papiertütchen packen und ziehen wieder ab.

Getrocknete Baumharze verschiedenen Ursprungs sind in Äthiopien ein Produkt des täglichen Bedarfs. Die Kaffeezeremonie etwa, die in zahlreichen Haushalten Tag für Tag zelebriert wird, kommt ohne sie nicht aus: Bevor die Hausfrau frische Kaffeebohnen in einem kleinen Topf röstet, sie mahlt und aufbrüht, entzündet sie ein Stück trockenes Harz in einem kleinen Tongefäß. Wenig später hängt dichter, aromatischer Rauch in der Luft und schafft Sichtverhältnisse wie in einem Dampfbad. Die Harze, die hier verwendet werden, stammen von unterschiedlichen Bäumen und sind mitunter künstlich aromatisiert. Kostenpunkt: 50 Birr pro Kilo, umgerechnet zwei Euro. Für eine Kaffeezeremonie reichen ein paar Gramm.

Harz in unterschiedlichen Konsistenzen
Verkauf von Weihrauch

Auf dem größten Freiluftmarkt Afrikas, dem Mercato in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba, findet man getrocknete Baumharze verschiedenen Ursprungs.

Für religiöse Rituale sind sie unbrauchbar. In Kirchen kommt „Karbe“ zum Einsatz: das weiße, reine Harz des Boswellia-Baumes. Kostenpunkt: 400 Birr pro Kilo, umgerechnet 16 Euro. Mit seinem Rauch, so der Glaube, steigen auch die Gebete der Menschen in den Himmel auf. Bereits in der Antike schrieben die Menschen dem Weihrauch sprituelle Kräfte zu. Getrockneter Baumsaft wurde aus dem Nahen Osten bis nach Ägypten gebracht. Auch in römischen Tempeln wurde Weihrauch entzündet. In katholischen Gottesdiensten kommt Weihrauch, der zu den Gaben der Heiligen Drei Könige gehörte, bis heute zum Einsatz. Die koptisch-orthodoxe Kirche Äthiopiens weist einen ungleich höheren Verbrauch auf: Dichte Rauchschwaden, geheimnisvolle Liturgien und Geistliche in prachtvollen Gewändern sind feste Bestandteile ihrer Traditionen.

Doch Karbe, die edelste Sorte Weihrauch, ist selten geworden in Äthiopien. Ein großer Teil wird exportiert, seit die Kosmetikindustrie ihm heilende Wirkung nachsagt.

In China, Europa, im Mittleren Osten und in den USA wächst die Nachfrage. Zudem ist die Zahl der Weihrauchbäume im Land dramatisch gesunken. Ein Problem ist Erosion, ein weiterer Raubbau: Um den Markt zu bedienen, schneiden Bauern die Rinde zu oft ein, um das Harz zu ernten. Eine Misswirtschaft, der viele Bäume zum Opfer fallen. Und so wird ein großer Teil des Weihrauchs, der in Äthiopien qualmt, heute aus dem Oman, Eritrea und dem Jemen importiert.

Weitere Artikel aus unserem Blog

Äthiopische Hochzeitsgeschenke

Äthiopische Hochzeitsgeschenke

Hirten verstauen meist ihre Brotzeit in der kreisrunden Tasche namens „Agelgil“ – praktischerweise so rund wie Injera-Fladen. Doch die meist ziegenlederne Tasche ist mehr als ein Energiepaket. Mit ihr verbinden Äthiopier alte Traditionen.

mehr lesen
Äthiopischer Honigwein Tej

Äthiopischer Honigwein Tej

Kennen Sie den bernsteinfarbenen Honigwein aus Äthiopien? Tej – ausgesprochen Tedsch – wird traditionell von Frauen hergestellt und in speziellen Gasthäusern, den sogenannten Tej Bets genossen. Dort jedoch vornehmlich von männlichen Gästen. Erfahren Sie bei uns, wir das süße Getränk gebraut wird.

mehr lesen
Blickfang der besonderen Art

Blickfang der besonderen Art

Körperschmuck, an den sich das europäische Auge erst gewöhnen muss, ist unter den Völkern Äthiopiens nach wie vor weit verbreitet. Etwa die rot eingefärbten Handflächen und Fußsohlen, mit denen sich die Frauen in verschiedenen Regionen des Landes zu Festtagen schmücken.

mehr lesen

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.