Menschlich wachsen am College

Biruk Tafesse studiert Elektrik und Elektrotechnik im zweiten Semester

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von | Jun 27, 2018 | Zukunft zu Hause

Biruk Tafesse hat gerade sein erstes Semester am Agro Technical and Technology College (ATTC) hinter sich gebracht, er ist quasi noch “Frischling” und ein eher zurückhaltender, nachdenklicher Student.

„Ich war sehr aufgeregt bei meiner Aufnahmeprüfung in Addis Abeba und habe nicht so viel erwartet“, erzählt er. „Als mir nach sieben Tagen mitgeteilt wurde, dass ich bestanden hatte, war ich überglücklich.“ Der 20-Jährige, der am ATTC den Studiengang Elektrik und Elektrotechnik gewählt hat, war bereits für ein Jahr an der Mizan-Tepi Universität knapp 500 Kilometer südwestlich von Addis Abeba eingeschrieben. „Das Studium hat mir dort nicht gefallen“, erzählt er. „Dort sind nur etwa 20 Prozent Praxisunterricht vorgesehen, unsere Erfahrung sollten wir außerhalb der Uni in Unternehmen sammeln. Hier am ATTC ist das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis ausgewogen. Die Maschinen und Materialien in den Werkstätten sind toll und ich hoffe, später einen Job zu finden, in dem ich praktisch mit meinen Händen arbeiten kann.“

Biruk ist als Erstsemestler ein gutes Beispiel für die persönliche Entwicklung der Studenten am College. Denn viele junge Frauen und Männer – auch aus höheren Semestern – erzählen, der Übergang von der Schule ins Studentenleben sei häufig mit anfänglichen Schwierigkeiten behaftet. „Natürlich wusste ich anfangs nicht so genau, was auf mich zukommt, wie ich mich am besten auf Prüfungen vorbereiten und auf was ich mich konzentrieren soll. Außerdem ist man in seinen ersten Wochen und Monaten noch nicht sonderlich eng verbunden mit seinen Kommilitonen, fühlt sich ein wenig allein auf dem Gelände“, berichtet Biruk. „Aber ich hoffe, dass ich schnell Anschluss finde und mich an die Gegebenheiten hier gewöhne.“

Besonders großen Wert legt das Personal am ATTC darauf, die Jugendlichen auch in ihrer Entwicklung zu begleiten, ihnen die nötigen Soft Skills für ihr späteres berufliches wie privates Leben mitzugeben. „Wir sind ja anfänglich alle noch Jugendliche. Hier lernen wir gegenseitigen Respekt und wie man sich in Gruppen benimmt. Etwa wird großen Wert darauf gelegt, dass wir nicht nur den Campus, sondern auch unsere Zimmer sauber halten. Als Mensch profitiere ich hier sehr.”

„Wenn man seine Mutter liebt, dann liebt man auch sein Land. Äthiopien ist mein Ein und Alles.“

Biruk liebt sein Heimatland über alles. Doch laufe in seiner Heimat längst nicht alles perfekt. „Ich vermisse häufig die Achtsamkeit füreinander. Es wäre schön, wenn sich die Menschen verstehen würden und sich auf ihre Gemeinsamkeiten besinnen könnten“, erzählt er nachdenklich. Aber dafür müssen die Menschen miteinander sprechen, vor allem die Regierung mit den Bürgern, und die Sorgen und Nöte ernst nehmen.“

Aber auch auf wirtschaftlicher Ebene sieht der Student aus Gambela Nachholbedarf: „Die Verteilung der Elektrizität in Äthiopien ist noch schlecht. Der Damm (Grand Ethiopian Renaissance Dam, Anm. der Redaktion) ist noch nicht fertig und vielleicht ergibt sich die Möglichkeit, dort mitzuarbeiten und dazu beizutragen, die Stromversorgung in meinem Land zu stabilisieren.“ Ansonsten könne er sich auch vorstellen, als Techniker bei der Marine anzuheuern – „auch wenn ich nicht einmal schwimmen kann“, scherzt er. „Dort würde ich gerne die elektrischen Gerätschaften auf den Schiffen überwachen und reparieren. Man hat ein gutes Einkommen und die Möglichkeit, etwas von der Welt zu sehen.“

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